Kultur : Regisseur, Intendant, Opernlegende Zum Tod

von Joachim Herz

Joachim Lange
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Die jüngste „Meistersinger“-Premiere in Leipzig am 9. Oktober war sein letzter Opernbesuch. Mit Joachim Herz’ Inszenierung der Wagner-Oper war der Bau am Augustusplatz vor 50 Jahren eingeweiht worden. Klar, dass Herz sich dieses Jubiläum nicht entgehen ließ: Er wollte sehen, was einer seiner jüngeren Kollegen, Jochen Biganzoli, mit dem Stück anstellte. Das „Fossil“, wie Herz sich gerne nannte, war viel unterwegs und hielt mit seiner Meinung nie hinterm Berg, vom Grummeln bis zum lauthalsen Buh. Diesmal jedoch blieb er still, und wer an dem alten Herrn im Rollstuhl vorbeiging, der erschrak. Der Eindruck täuschte nicht: Am Montag ist die Theaterlegende Joachim Herz mit 86 Jahren in Leipzig gestorben.

126 Inszenierungen von mehr als 60 Opern zählt seine Statistik. Dass Herz 1985 mit Webers „Freischütz“ die wiederaufgebaute Dresdner Semperoper eröffnete, ohne Zugeständnisse an die weihevolle Staatsaktion zu machen, spricht für seine künstlerische Integrität. Herz, 1924 in Dresden geboren, war Anfang der Fünfzigerjahre Assistent von Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin und trat 1976 dessen Nachfolge an. Es tat dem niemals einfachen, im Umgang oft rabiaten Regisseur gut, als ihm das Haus, das er 1981 mehr oder weniger freiwillig verließ, 2005 die Ehrenmitgliedschaft verlieh.

Herz war ein Regisseur, der sich den Stücken verpflichtet fühlte und sie von innen heraus neu erzählte, ihnen nie von außen ein Konzept aufzudrücken versuchte. Und er war einer, ganz altmodisch, der sich auf sein Handwerk verstand. Seine Ära als Operndirektor in Leipzig von 1959 bis 1976 gilt heute – trotz aller DDR-typischen Beschränkungen – als die Blütezeit des Hauses, Herz selbst sprach von den „sinnvollsten Jahren“ seines Lebens. Bis zum Ende der DDR bestimmte er dann als Chefregisseur das Profil der Semperoper.

Durch seine Unbedingtheit und Unbeherrschtheit hat Joachim Herz sich gewiss nicht nur Freunde gemacht.Im Ganzen aber haben ihm Berlin, Leipzig und Dresden eine hoch produktive Theaterzeit zu verdanken. Wie Ruth Berghaus (mit der er Anfang der Fünfzigerjahre eng zusammengearbeitet hat) und wenige andere DDR- Künstler gehörte Herz außerdem zu jenen, die auch im Westen Deutschlands und im Rest der Welt zeigen durften, was sie konnten – von Moskau bis Buenos Aires, in London, Köln und Vancouver.

In den letzten zwanzig Jahren hat Herz sich in einem lautstarken und wortgewaltigen Unruhestand geübt. Wo er konnte, meldete er sich zu Wort und mischte sich ein, hielt Standpauken gegen Bühnenunsitten, die er ausgemacht hatte, oder schrieb Kritikern erfrischend belehrende Briefe. Etliche seiner Inszenierungen wirken bis heute nach. In wie vielen „Götterdämmerungen“ schieben sich die Bilder aus Herz’ legendärem Leipziger „Ring des Nibelungen“ vors innere Auge! Nach Siegfrieds Tod beispielsweise ließ er den Göttervater Wotan persönlich um den Helden trauern und hatte damit nicht nur die innere Logik der Tetralogie auf seiner Seite, als kaptialismuskritisches Gleichnis, sondern fand auch noch ein unvergessliches Theaterbild. Bedauerlich, dass dieser „Sachsen-Ring“ noch nicht einmal verlässlich dokumentiert ist.

Herz ließ sich nur ungern auf seinen „Ring“ reduzieren, sprach lieber über Stücke, die er nicht inszeniert hatte und gerne inszeniert hätte, „Rienzi“ etwa oder Berlioz’ „Trojaner“. Und doch blieb das, was er da 1973 in Leipzig zwischen Krupp und Kaiser Wilhelm geschmiedet hatte (unmittelbar vor Patrice Chéreau in Bayreuth!) der eigentliche deutsche „Jahrhundert“- Ring. Joachim Herz war, um den Titel eines seiner vielen Bücher zu zitieren, ein Verfechter des „erfüllten Augenblicks“. Seine Zwischenrufe und Briefe werden uns fehlen. Joachim Lange

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