• Regisseur Jochymski überspitzt maßlos, aber gerade das macht den Triebkrieg so amüsant wie uferlos

Kultur : Regisseur Jochymski überspitzt maßlos, aber gerade das macht den Triebkrieg so amüsant wie uferlos

Jan Kixmüller

Auf der Toilette steht ein Kollege, packt schnell ein und verschwindet. Dann taucht er nochmal auf, hat da so ein gewisses Papiertaschentuch vergessen - ein bisschen Bewegung zwischendurch. Das findet Herr Blum gar nicht so lustig, zumal es bei ihm nicht so recht läuft, wenn einer blöd draufgafft. Und im trauten Heim klemmt es sowieso, ein bisschen geiles Gefummel, Geschiebe und Gelecke, aber im Ehebett bleiben nur flaue Herzen und schaler Nachgeschmack, ein Schlachtfeld der Unbefriedigten. Die Stellungskriege des Dresdner Nachwuchsregisseurs Jan Jochymski im Theater unterm Dach (Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, 24.-26.2., 20 Uhr) wollen den jungen Großstadtmenschen ins Gesicht schauen: Menschen getrieben von Geilheit und gehemmt von Konventionen. Als Improvisation entstanden, haben die Darsteller viel von ihren eigenen Irrungen und Wirrungen zwischen die Technobeats gestreut. "Der Geschlechtstrieb ist der letzte Fahrtrichtungsanzeiger, dem wir vertrauen können", stellt Jonas Blum - wunderbar gierig, verzweifelt und zerstört: Alexander Schröder - resigniert fest. Das Dilemma ist absehbar. Unablässig produzieren Männer jungen Samen, auch alte Männer. Das nimmt kein Ende und ist auch noch wahr. Die Frauen haben längst schon ihr eigenes Programm, scheuchen Masochisten per Telefon und vernaschen in www.2000girl.com-T-Shirts, was ihnen gefällt. Am Ende bleibt Zerissenheit und Einsamkeit, der Gummischwanz des Kollegen wird geopfert, und die TV-Show hat als Trostpreis eine "kleine Reisefotze" zu bieten. Zeit fürs Irrenhaus. Regisseur Jochymski überspitzt maßlos, aber gerade das macht den Triebkrieg so amüsant wie uferlos: Nach dem Sex ist vor dem Sex.

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