Regisseure im Iran : Die Kunst, stur zu bleiben

Im Wettbewerb läuft Jafar Panahis „Pardé“. Dabei hat der Regisseur Berufsverbot, sitzt im Iran fest. Dennoch kann er weiterhin Filme drehen - weil die internationale Aufmerksamkeit wie ein Schutzschild wirkt.

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Mit Smartphone und Digikamera. Schon 2011 drehte Jafar Panahi trotz Berufsverbot und realisierte „This is not a Film“ in seinem Wohnzimmer. Koregisseur Mirtahmasb wurde kurz darauf inhaftiert.
Mit Smartphone und Digikamera. Schon 2011 drehte Jafar Panahi trotz Berufsverbot und realisierte „This is not a Film“ in seinem...Palisades Tartan

Der Coup der 63. Berlinale heißt „Pardé“: Das Werk des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, heute im Wettbewerb, wird mit besonderer Spannung erwartet. Das hat vor allem mit den Umständen seines Entstehens zu tun. Panahi, der 2006 für sein Drama über weibliche Fußballfans im Iran, „Offside“, einen Silbernen Bären gewann, darf keine Filme drehen. 2010 wurde er zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot verurteilt. Man machte ihm ein angebliches Filmprojekt über die Proteste nach der Präsidentschaftswahl 2009 zum Vorwurf.

Die Revision wurde abgelehnt, das Berufsverbot trat umgehend in Kraft. Aber die Haft hat Panahi bis heute nicht antreten müssen. So entstand 2011 „This is not a Film“, das bewegende Dokument eines leidenschaftlichen Regisseurs, der sich seines Lebensinhalts beraubt sieht. Im Hausarrest gedreht, wurde der Film auf einem USB-Stick in einem Kuchen nach Cannes geschmuggelt. Auf der Berlinale 2012 wurde dann ein bewegender Offener Brief Panahis verlesen. „Ich stelle mich der Wirklichkeit der Gefangenschaft und der Häscher. Ich werde nach den Manifestationen meiner Träume in Euren Filmen Ausschau halten: In der Hoffnung, dort das zu finden, was mir genommen wurde“, hieß es darin.

Nun hat er doch wieder einen Film gedreht. In „Pardé (Geschlossener Vorhang)“ verstecken sich ein Mann (Koregisseur Kambuzyia Partovi), der einen unreinen Hund besitzt, und eine Frau, die an einer verbotenen Party teilnahm, in einer abgelegenen Villa. Die Berlinale hat „Pardé“ eingeladen, die Behörden schweigen, Panahi darf nicht kommen, nur die beiden Hauptdarsteller reisen an.

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29.01.2013 11:28THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN: Hollywood-Jungstar Shia LaBeouf, der mit den „Transformers“-Filmen bekannt wurde und...

Hat Panahi zu Hause Konsequenzen zu befürchten? Nein, glaubt Morteza Farshbaf, einer der jungen, aufstrebenden Regisseure im Iran, der schon mit Panahi zusammengearbeitet hat und mit der Familie befreundet ist. „Filme zu drehen ist für Jafar Panahi eine Lebensnotwendigkeit“, sagt Farshbaf. „Und der Iran ist für ihn der einzige Ort dafür.“ Farshbaf kann nachvollziehen, dass ein Leben im Exil für den Regisseur nicht infrage kommt. „Die Kultur ist für einen Regisseur wie die Sprache für einen Dichter. Es ist sehr schwer, in einer anderen Kultur zu arbeiten.“ Er erinnert sich an sein Studium bei Altmeister Abbas Kiarostami. „Bleibt euren Wurzeln treu“, gab der den Studenten mit auf den Weg: „Macht iranische Filme.“ Doch Kiarostamis jüngste Filme, „Copie Conforme“ und „Like Someone in Love“ spielen in der Toskana und in Tokio. Asghar Farhadi, Bären- und Oscar-Gewinner für sein Trennungsdrama „Nader und Simin“, hat gerade sein Folgeprojekt „The Past“ in Paris abgedreht. Auch Morteza Farshbaf versuchte bereits, im Ausland zu arbeiten, in Luxemburg. Er fühlte sich jedoch wie ein Tourist: „Es gelang mir einfach nicht, die Seele, die Atmosphäre einzufangen.“

Als er letztes Jahr mit seinem Langfilmdebüt „Soog“ von einer Festivaltour zurückkehrte, wurde Farshbaf von den Behörden einbestellt. „Zwei Monate lang musste ich mich rechtfertigen, weil mein Film internationale Preise gewonnen hatte“, erzählt er. „Es ist eine völlig unpolitische Geschichte. Aber die Zensoren denken, wenn ein Film im Ausland etwas gewinnt, dann müssen sie wohl etwas übersehen haben.“ Wer international reüssiert, hat es schwerer, im Iran einen Film genehmigt zu bekommen.

Auch der im Kölner Exil lebende Autor und Regisseur Ali Samadi („The Green Wave“), der als Vorstandsvorsitzender von „Transparency for Iran“ die Lage der Filmemacher aufmerksam verfolgt, ist überzeugt, dass sich die Situation seit den Wahlen 2009 dramatisch verschlechtert hat. „Die Daumenschrauben wurden angezogen, die Angst geht um, zu Recht. Schon um wirtschaftlich zu überleben, müssen viele sich arrangieren.“ Auch die Kooperation mit ausländischen Sendern, mit Arte oder der BBC, werde schärfer geahndet als früher. „Das hat“, so Samadi, „auch finanzielle Folgen, denn viele Projekte sind früher in Koproduktion mit solchen Sendern entstanden.“

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