Kultur : Regler auf Schnauzbart

Bodo Mrozek

findet eine Legende – und verrät ein DJ-Geheimnis Das Mischpult ist eines der prägensten Instrumente der Popkultur. Je mehr die Grenzen zwischen den verschiedenen Genres aufweichen, desto wichtiger werden Techniken wie Sample oder Mix. Dem Mischpult kommt dabei eine fast symbolische Bedeutung zu, weil es die Schnittstelle zwischen analoger Musik und moderner Technik markiert. Man findet es in Konzerthallen, Studios und am Rande der Tanzflächen. Selbst Blues- oder Jazzkonzerte kommen meist ohne „Mixer“ nicht mehr aus. Der Mann am Mischpult ist deshalb so etwas wie der Tonregisseur eines jeden Popkonzertes. Meist steht er im Hintergrund, nur schwach beleuchtet vom Lichtkegel einer kleinen Teleskoplampe.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Mischpult es bis auf die Bühne geschafft, als Discjockeys begannen, Schallplatten mit zwei Plattenspielern öffentlich aufzuführen. Die Industrie entwickelte genau auf die Bedürfnisse der DJs abgestimmte Geräte, deren Plattenteller man bremsen oder sogar rückwärts drehen kann. Mittlerweile verdrängen sie zunehmend CD-Player und Computer. Das Mischpult aber bleibt unverzichtbar – ob als beleuchteter „Battlemixer“ mit allerlei Effekten und Spielereien oder als virtuelles Computerprogramm. Sein wichtigstes Element bleibt der „Crossfader“. Mit diesem Schieberegler kann der DJ in Sekundenbruchteilen zwischen den Kanälen, meist zwischen zwei laufenden Schallplatten, wechseln oder einen langsamen, harmonischen Übergang einleiten.

Die Autoren dieser Kolumne werden künftig den Crossfader des „Mischpultes“ zwischen den verschiedenen Stilrichtungen der Berliner Musikszene hin und her bewegen. Dieses Mal schieben wir ihn auf Livemusik. Heute um 22 Uhr spielen die Sin City Circus Ladies , eine Band, die sich mit krachigem Rock’n’Roll und einem wenig damenhaften Outfit gerade zu einem der beliebtesten Berliner Live-Acts mausert. Die seltsame, kratzige Mischung aus dilettantisch vorgetragenem Country-Punk im Psychobilly-Stil ist ein guter Anlass, sich ein Bild davon zu machen, wie Rolf Edens ehemalige Schnauzbartdisco Big Eden (Kurfürstendamm 202) eine derartige Freakshow verträgt. Man plaudert damit zwar ein Geheimnis aus, aber es mag Tänzer, die vor rund vier Jahren gerne die noch jungen Clubs Oxymoron und Kurvenstar besuchten, interessieren: Hinter dem Namen Evil Hoodoo Night verbirgt sich niemand anderes als der deutsch-griechische DJ Costa vom Farfisa Imperium, das mit Garagen- und R&B-Scheiben einstmals eine gefährliche Konkurrenz des berühmten Hammond Infernos war. Mit anderen Worten: Es darf getanzt werden.

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