Kultur : Reibung von Fleisch an Fleisch

KLAUS HAMMER

"Alliert" heißt verbündet sein, ein Bündnis geschlossen haben, wie auch immer.Alliierte waren die Kriegsgegner Napoleons ebenso wie die Mittelmächte im Ersten oder die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg.Der Alliierte Kontrollrat übte ab 1945 als Besatzungsorgan oberste Regierungsgewalt in Deutschland aus; Alliierte sind die Streitkräfte der NATO, zu ihren Mitgliedern zählt auch die Bundesrepublik.

Wenn der Berliner Maler Mark Lammert diesen vieldeutigen Begriff für eine abgeschlossene Werkgruppe von fünf 1994 bis 1996 entstandenen Gemälden verwendet, in dem es ausschließlich um Körperfragmente und Köpfe geht, dann dürfen die Gedanken des Betrachters in ganz verschiedene Richtungen gehen.Lammert malt auch auf die Rückseite von historischen Landkarten, deren Netz-Strukturen sich durchdrücken und deren Gebrauchsspuren und Verschmutzungen mit in die Arbeit eingehen.Die Aufgabe der Kartographie, räumliche Strukturen aus den Bereichen der Natur und des menschlichen Wirkens zu verdeutlichen und zu planen, bleibt nicht ohne Einfluß auf die Malintention.

Lammert verletzt die Farbfläche, er überstreicht sie, bricht sie wieder auf.Die Farbe wird getupft, gespachtelt, gequetscht, gefurcht, in dickem Relief aufgetragen.Sie zieht Gräben und Schründe, sucht sich in Adern und dünnen Gerinseln ihre Wege.Landschaften ohne festen Boden, reale und mögliche Zustände ohne bestimmbaren Ort, ohne erinnerbare Zeit, höchst emotional und sensibel.Sie sind also die Verkehrungen oder Entgegensetzungen dessen, was sich auf der Rückseite der Leinwand, die einstmals die Vorderseite war, abspielt: Genaue Bestimmungen von Raum und Zeit, Abgrenzungen und Allianzen im Bereich der Geografie, der Geschichte und Politik.Das Kunstwerk ist mehr Handlung als Konfiguration, das Abfallprodukt einer existentiellen Auseinandersetzung zwischen Willen und Schicksal.

Die hüftartigen Bauchungen und die ellenbogengleichen Winkel der zusammengepreßten Motive lassen an Reibung von Fleisch an Fleisch denken.Es sind Bilder der Verunsicherung.Der Mensch als Fragment, als zweibeiniges Tier, das abhängig ist von seinen Süchten, seinen Unterwerfungen und Machtgelüsten.Aus Lammerts Bildwelt sind mit den gegenständlichen auch alle moralischen Bezüge entfernt.Es scheint, als würde der Betrachter zu den Ursprüngen des Lebens zurückversetzt.Erde, Wasser und Himmel, Farbe und Licht verschmelzen in einer ruhigen, beständigen Glut ineinander.

Jedes Bild ist ein anderes, doch dahinter steht immer das gleiche Thema: Das Menschliche und seine Zustände.In die helleren Töne der Farbe Rot mischt sich dunkle Ahnung, die kastenartigen Felder erscheinen wie Einzäunungen.Der Körper, ganz auf die Fläche gepreßt, gleicht einer Landschaft mit labyrinthischen Wegen.Und den Köpfen ist die Angst ins Gesicht geschrieben, in ein Gesicht, das wiederum einer wegereichen Landschaft ähnelt.Lammerts Bilder sind Alpträume, die noch viel weniger Trost vermitteln als ein Leidender am Kreuz.Denn hier gibt es keinen Christus, der trotz allen Leids Verheißung bedeutet.

Galerie Refugium, Auguststraße 19, bis 31.Oktober; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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