Kultur : Reich der Erde

Zwei Ausstellungen besichtigen das Erbe des Zweiten Weltkriegs. Eine Spurensuche in Trümmern

Kai Müller

In einer Vitrine des neuen, vom Museum Europäischer Kulturen bezogenen Domizils in Dahlem liegt der Totenschein einer Berlinerin. Daneben ein Foto der Frau, die nach einem Luftangriff im Februar 1945 versuchte, letzte Habseligkeiten aus ihrem brennenden Haus zu retten – und dabei umkam. Der Impuls, nicht alles verloren zu geben, war wohl stärker als die Furcht. Man denkt: fatal. Ein Opfer mehr unter den 11000 Toten, die der Bombenkrieg in Berlin gefordert hat. Aber was hätte es bedeutet, vor der in Flammen stehenden eigenen Existenz zu stehen und nichts zu unternehmen, um wenigstens noch ein Kuscheltier, den Koffer mit dem Silberbesteck, ein paar Bettlaken herauszuholen?

Der Wunsch, das Wertvolle zu bewahren – darum kreisen zwei verwandte Ausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin anlässlich des Kriegsende-Jubiläums. „Stunde Null – Überleben 1945“ heißt die in zwei Aspekte gegliederte Doppelschau im Dahlemer Bruno-Paul-Bau. Sie widmet sich einerseits den Überlebenstechniken der Berliner nach dem Ende des „Dritten Reiches“ („Kuchen auch ohne Backofen zu backen“). Und andererseits den Strategien der Berliner Museen, ihre in Jahrhunderten zusammengetragenen Bestände vor der Zerstörung durch Bombenangriffe zu bewahren, sowie den verheerenden Kriegsschäden, die selbst die Auslagerung wichtiger Sammlungsteile nicht zu verhindern vermochte.

Unter dem Titel „Archäologie des Grauens“ stellen außerdem Berliner Denkmalpfleger im Museum für Vor- und Frühgeschichte jene „Funde und Befunde“ aus, die als Hinterlassenschaft des NS-Regimes noch immer im Erdreich lagern und bei Ausschachtungen regelmäßig geborgen werden. Stahlhelme, eine halbseitig angelaufene Göring-Büste, rostrote Gewehrläufe, Munitionshülsen und der Flugzeugmotor einer über Berlin abgeschossenen B-17 („Flying Fortress“) sind im Langhans-Bau denn auch effektvoll hinter Baugittern ausgestellt.

Wie wertvoll derlei Funde sind, darüber herrscht unter Archäologen Uneinigkeit. Nicht nur, weil die Zunft sich lieber mit Epochen beschäftigt, über deren Charakter nach Jahrhunderten ihres Entschwindens nur noch die Spurendeuterei des Archäologen Auskunft zu geben vermag. Auch scheint es wenig sinnvoll zu sein, Gegenstände einzulagern, die in viel besserem Originalzustand bei Militaria- und Antiquitätenhändlern zu erstehen sind. Noch heute existieren weltweit 44 so genannte „Fliegende Festungen“, 14 davon flugfähig. Da kann ein aus dem Himmel gefallener ins Erdreich eingeschlagener Wright Cyclone GR 1820-97 Neunzylinder-Sternmotor mit Luftkühlung allenfalls demonstrieren, wie sehr er beim Absturz kaputtgehen kann.

Viel stärker jedoch wiegt, dass die Forschung bei der Bergung und Aufbewahrung verrosteter Schlachtzeugnisse aus ihrer Beobachterrolle heraustritt. „Wir halten historische Informationen für die Zukunft vor“, rechtfertigt Museumsdirektor Wilfried Menghin das Interesse an vor 60 Jahren verschüttetem Kriegsgerät. Es ist wie mit der Jagd nach Zeitzeugen, die auszusterben und zu verstummen drohen: „Wenn die Waffen weitere hundert Jahre im Boden gelegen hätten“, führt Menghin aus, „wären sie komplett verrottet.“ Das Museum eignet sich die Rolle eines Archivars an, der Dinge dem „Altertum“ zuschlägt, die nie alt geworden wären. Mit kuriosen Folgen: So kann man gleich neben einer kleinen morbid-vermoderten Stahlhelmsammlung Kriegerhelme, Lanzenspitzen, Schwerter sowie einen intakten Brustpanzer von vor 2700 Jahren bewundern. Ihnen haben die Zeiten unter Tage ungleich weniger zugesetzt als den Erzeugnissen aus der modernen Rüstungsproduktion. Es ist frustrierend.

Die zeitliche Nähe zur Ära sollte ein Vorteil sein, denkt man. Doch weit gefehlt. Die Archäologen haben mächtig Konkurrenz. Handelt es sich beim Weltkriegserbe doch meist um alte Granaten und Fliegerbomben, Blindgänger also, für deren Entschärfung der Kampfmittelräumdienst zuständig ist. Ein anderes Problem ergibt sich aus den vielen Militariajägern, wie Kurator Heino Neumayer zugibt, die manchen Fundort ausgeräumt haben, bevor die Museumsleute zugreifen konnten. Was immer sich im so genannten Goebbels-Bunker befunden hat, es versickerte sofort nach dessen Entdeckung in verschwiegenen Kanälen.

Als Medium der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg führen Realien wie Ausrüstungsteile von Soldaten oder das verbeulte Geschirr der Sektkellerei Lutter & Wegner ein Schattendasein. Neben der Suggestionskraft von Fotos und Filmbildern verströmen sie einen spröden Charme, dessen „Drei-D-Effekt“ verpufft. Was erzählen sie vom Terrorregime des Hitler-Faschismus und dessen Untergang, was nicht viel umfassender in Büchern nachzulesen wäre? Höchstens: dass alles wirklich passiert ist.

Einen Einblick in die hybriden Denkmuster der Zeit gewährt der als „Fahrerbunker“ bekannt gewordene Schutzraum der „Leibstandarte Adolf Hitler“. Ein heftig umstrittener Täterort, seit er vor 15 Jahren freigelegt wurde. Im Inneren stieß man auf die wie eingefrorenen Reste eines Gelages, das die SS-Leute kurz vor ihrem Untertauchen veranstalteten. Wein- und Schnapsflaschen dümpelten im knietiefen Wasser. Uniformteile lagen herum. An den Wänden zeugten selbstverherrlichende Malereien von der geistigen Haltung der Wachmannschaften, die sich als Beschützer des Volkes inszenierten. Da der Bunker nach wie vor als Bodendenkmal nicht geschützt ist, könnte er morgen schon verschwinden – und die originalgetreuen Fotostudien der Landesdenkmalpflege, ausgestellt im obersten Stockwerk des Langhans-Baus, wären die einzige Hinterlassenschaft.

Dass der Krieg, wiewohl er sich nun in den Museen ausbreitet, vor ihnen selbst nicht Halt machte, gerät im Zuge der unergiebig verharrenden Beutekunst-Verhandlung mit Russland verstärkt in den Blick. Auch das seinerzeit im Martin-Gropius-Bau untergebrachte Museum für Vor- und Frühgeschichte, eine der weltweit bedeutendsten Institutionen für die Prähistorie, erlitt unwiederbringliche Verluste. Bombentreffer verwandelten Teile der Sammlung in einen Scherbenhaufen. Die Archäologen mussten sie gewissermaßen ein zweites Mal ausgraben. Andere, als „unersetzlich“ eingestufte Objekte wie der „Schatz des Priamos“ waren in einem Flakturm des Zoo-Bunkers eingelagert worden. Den Krieg selbst überstanden sie unbeschadet. Doch mit Einmarsch der Roten Armee wurden sie beschlagnahmt und nach Russland „verlagert“.

Vielen der 16 Einrichtungen der Staatlichen Museen erging es trotz weitgreifender Vorsichtsmaßnahmen nicht anders wie nun eine erste umfangreiche Ausstellung über die Lücken demonstriert, die Krieg und NS-Terror in das kulturelle Gedächtnis des Landes gerissen haben. Zuerst, indem die Direktoren sich „jüdischer Einflüsse“ in ihren Beständen zu entledigen hatten. Dann wurden die Sammlungsleiter 1935 gebeten, eine Liste der zu bergenden Kunstsachen aufzustellen – für den Fall „kriegerischer Verwicklungen“. Die Werke wurden 1939 eiligst in sichere Unterkünfte zunächst in Berlin, ab 1944 zunehmend in Salzbergwerke, Schlösser und Pfarrhäuser gebracht – von wo aus viele für immer verschwanden. Im Depot des Bodemuseums lagerte ein Bilderrahmen, aus dem man Guido Renis „Verlorenen Sohn“ (1590/1642) achtlos herausgeschnitten hatte. Erst nach der Wiedervereinigung fand sich das dazugehörige Motiv: im Depot der Gemäldegalerie.

„Die Stunde Null – Überleben 1945“, Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Dahlem, zwei Ausstellungsteile bis 15. Januar sowie 16. April 2006, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, Katalog 18,90 €.

„Archäologie des Grauens“, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Langhans-Bau Schloss Charlottenburg, bis 11. September, Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr.

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