Kultur : Reich durch die Mitte

Balzan-Preis für Lothar Ledderose

Nicola Kuhn

Genau vor einem Jahr hatte der Heidelberger Kunsthistoriker Lothar Ledderose über seinen „Quantensprung in der Feldforschung“ noch gejubelt, der elektronischen Erfassung von rund 40 Millionen Zeichen aus buddhistischen Texten. Mit einem Notebook ausgestattet, können seitdem Feldforscher chinesische Felsinschriften problemlos identifizieren. In Erregung versetzte dieser Erfolg damals vornehmlich die Experten. Seit Wochenbeginn jedoch sind der Name Ledderose und die Verdienste des Forschers um die Entzifferung buddhistischer Texte einem weitaus größeren Publikum bekannt. Als zwölfter Deutscher hat der am Heidelberger Institut für Kunstgeschichte lehrende Wissenschaftler den mit einer Million Schweizer Franken (660000 Euro) dotierten Balzan-Preis erhalten. Nicht persönlich, denn der Empfänger soll die Summe für Forschungszwecke einsetzen, aber doch in Anerkennung seiner Leistungen.

Ganz überraschend kommt die Ehrung für den 63-Jährigen nicht, denn er gilt als einer der engagiertesten Kämpfer für die Vermittlung östlicher Kultur im Westen. So holte er 1985 die Schätze der Pekinger Verbotenen Stadt nach West-Berlin, präsentierte sechs Jahre später die Terrakotta-Armee in Dortmund und organisierte 1993 die überaus erfolgreiche Ausstellung „Japan und Europa 1543–1929“ im Berliner Martin-Gropius- Bau. Die Berlin-Verbundenheit des seit 1976 an der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität lehrenden Forschers lässt sich nicht zuletzt an seinem Langzeitprojekt am Museum für Ostasiatische Kunst in Dahlem ablesen. Von 1976 bis 1996 erfasste er hier den Gesamtbestand an chinesischer Malerei; die hauseigene Sammlung gilt weltweit als eine der besten.

Ganz ohne politisches Kalkül dürfte die Auszeichnung dennoch nicht sein. Die in Zürich und Mailand ansässige Stiftung unterstützt damit den Annäherungskurs Italiens an die Volksrepublik. Neben Ledderose erhielten der Brite Peter Hall (Sozial- und Kulturgeschichte der Stadt seit dem 16. Jahrhundert), das englische Forscherpaar Peter R. und Rosemary Grant (Populationsbiologie) und die US-Wissenschaftler Russel J. Hemley und Ho-Kwang (David) Mao den Balzan-Preis.

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