Kultur : Reich ins Heim

-

SCHREIBWAREN

Jörg Plath über Jahrhundertdenker

und Minutennovellen

Der Kirchentag ist vorüber und mit ihm die klebrige Lust an der Einheit der Christenheit. Vor uns liegt Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes, auf dass wir Mesopotamier, Schweizer, Deutsche und Araber uns mühelos verstehen, als spräche jeder in des anderen Sprache. Zwischen diesen Eckpfeilern des Kirchenjahres 2003 finden sich einige empfehlenswerte weltliche Hochämter der Sprache. Heute Abend schon lässt László Darvasi im Literaturhaus (20 Uhr) die Köpfe rollen. In seinen chinesischen Geschichten „Die Hundejäger aus Loyang“ (Suhrkamp) wird der Dichter, dessen Verse auf Wunsch des Kaisers die Kunst des Drachentötens rühmen, nach den Regeln eben dieser Kunst ermordet. Die Statthalter, die im Hirschen, dem Geschenk des Eunuchen für den Kaiser, nicht wie gewünscht ein Pferdchen sehen, bezahlen dafür mit dem Leben. Und wer dem kaiserlichen Affen keinen Respekt zollt, den hängt man nackt an einen Pfirsichbaum und bestreicht ihn mit einem Bienenbalsam, der die Insekten ganz verrückt macht.

In den Jahrzehnten nach 1910 verzeichnet man einen dramatischen Schwund von Sinn, was durch Fanatismus ausgeglichen wurde. Der Ungar István Örkény wandte sich daher lieber dem Absurden zu. In seinen „Minutennovellen“ (Suhrkamp) verschwinden eben Auferstandene aus Langeweile über die ewigen Wettergespräche der Lebenden wieder im eigenen Grab, und eine Portiersfrau sagt nach 14 Jahren aufopferndsten Dienstes, in denen sie Fragenden stets den richtigen Weg wies: „Wir alle kommen aus dem Nichts und werden eingehen in das große stinkende Nichts.“ Eine Beschwerde ist die Folge, wird aber fallengelassen: „Es ist ja nun wirklich keine so große Sache.“ Doch die Minutennovellen von Örkény, die ihre Herausgeberin und Übersetzerin, die Schriftstellerin Terézia Mora , am 4.6. in der Akademie vorträgt (20 Uhr), sind eine große Sache.

Örkény war für Péter Esterhazy und andere im Ungarn der Sechzigerjahre eine Vaterfigur. Martin R. Dean schickt in seinem Roman „Meine Väter“ einen Schweizer, der mit einem Stiefvater aufgewachsen ist, auf die Suche nach seinem leiblichen Vater aus der Karibik. Er findet einen Greis in einem Londoner Altenasyl und fährt mit ihm „heim“ nach Trinidad. Aber ist Trinidad die Heimat? Dean, der karibische Wurzeln hat, erzählt von Konstruktionen der Identität. „Wir alle haben globale Wurzeln“, sagt er. „Die deutschen Schriftsteller müssen sich nur der Kinder erinnern, die ihre Väter und Großväter überall in der Welt hinterlassen haben.“ ( Literarischer Salon Britta Gansebohm , 4.6., 20.30 Uhr).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben