Kultur : Reich verziert

BORIS KEHRMANN

Andreas Staier und die Akademie für Alte Musik im SchauspielhausVON BORIS KEHRMANNLaut Monatsvorschau hätte Andreas Staier am Hammerklavier spielen sollen.Auf der Bühne im Kleinen Saal des Schauspielhauses stand aber ein zweimanualiges Cembalo.Warum? Das sollte sich schnell herausstellen.Georg Anton Bendas um 1770 am herzoglich-sächsischen Hof in Gotha entstandene Konzerte für das Clavier - was damaligem Sprachgebrauch entsprechend jedes beliebige Tasteninstrument bezeichnet - und Orchester sind mit ihren brillanten Läufen und dem von Staier zusätzlich reich verzierten Passagenwerk ausgesprochen cembalistisch gedacht.Vor allem für das Konzert in G-Dur traf das uneingeschränkt zu.Staier nutzte hier nicht nur ausgiebig die reichen farblichen Differenzierungs-Möglichkeiten, die ihm der rasche Wechsel zwischen den Klaviaturen des Cembalos bot.Er machte das Instrument stellenweise gar zum Spiegel des Orchesters, indem er durch raffinierte Anschlagstechnik Effekte aus ihm herausholte, die man seinem angeblich starren Klang gemeinhin nicht zutraut: im ersten Satz etwa imitierte er die Pizzicati der Streicher, im zweiten ahmte er die gebundenen Dreiklangsbrechungen der Bratschen nach.Diese artikulatorische Vielseitigkeit wies schon deutlich auf die umfassendere Klangästhetik des Fortepiano hin.Noch mehr trat dies im langsamen Satz des zweiten Konzerts in f-Moll zutage, wo sich der frei phantasierende Gestus in lang ausschwingenden Tönen entfaltete, die Mozarts Adagios erahnen ließen.Die Zwischenstellung, die Andreas Staier dem in seiner Zeit als Bahnbrecher gefeierten gothaischen Hofkomponisten zuwies, machte den Reiz seiner Interpretation aus.Die Akademie für Alte Musik entrollte dahinter eine wild zerklüftete Sturm-und-Drang-Kulisse.Mit scharfer Attacke und zugespitzter Artikulation parierte die Akademie auch in den kurzen Sinfonien der beiden erfinderischen Wiener Kleinmeister Georg Christoph Wagenseil und Matthias Georg Monn schon im voraus alle Harmlosigkeits-Bedenken, wobei die reizvoll konzertierenden Hornduette Monns einen der beiden Kombattanten leider an einem schlimmen Tag erwischten.Um so packender gerieten die inbrünstig verschatteten Umspielungen der beiden links und rechts vom Orchester aufgestellten Traversflöten in Adagio und Fuge für zwei Flöten, Streicher und Basso continuo d-Moll von Wilhelm Friedemann Bach, deren Blick in die Zukunft Wilhelm Friedemann in der ebenso virtuos wie elegant ausgeführten Kontrapunktik der Streicherfuge mit einem Blick zurück in die Welt seines Vaters relativiert.Benda und Friedemann Bach wurden so als die optimistischen und pessimistischen Vertreter derselben Zwischengeneration kenntlich.

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