Kultur : Reich werden kann jeder

Modernes Märchen: „Das Streben nach Glück“ – mit Will Smith

Christian Schröder

Man kann einem Menschen alles nehmen, eines aber nicht: die Kraft der Fantasie. Chris Gardner ist pleite, seine Frau hat ihn verlassen, der Vermieter hat ihn vor die Tür gesetzt. Geblieben ist ihm nur sein fünfjähriger Sohn, der mit ihm auf einer Bank in der U-Bahn-Endstation sitzt. Irgendwie muss Gardner ihn zum Schlafen bringen, am Ende dieses Horrortages muss er eine überzeugende Gutenachtgeschichte erfinden. Also erzählt er ihm von einer Reise mit der Zeitmaschine, von Dinosauriern und Urmenschen, die in Höhlen lebten. Dann trägt er den Jungen in die Bahnhofstoilette, bettet ihn auf seine Jacke und verrammelt die Tür. „Das ist unsere Höhle“, sagt er. Und das Kind schläft ein.

„Alle Menschen sind von Natur aus in gleicher Weise frei und unabhängig und besitzen bestimmte angeborene Rechte, und zwar den Genuss des Lebens und der Freiheit, die Mittel zum Erwerb und Besitz von Eigentum und das Streben nach Glück und Sicherheit“, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Zwischen diesen Buchstaben, die der Vorspann von „Das Streben nach Glück“ abfährt, und der Wirklichkeit klafft ein Abgrund, was schon daran zu erkennen ist, dass der Filmheld, wie die Mehrheit der amerikanischen Obdachlosen, schwarz ist. Chris Gardner gibt es wirklich, er hat laut Nachspann den Aufstieg aus den Nachtasylen zum Gründer einer Investmentfirma geschafft, die er für mehrere Millionen Dollar verkaufen konnte. Ein modernes Märchen.

„Das Streben nach Glück“ führt in die Welt der Modernisierungsverlierer und Vom-Wohlstand-Abgehängten, doch die sehr amerikanische Botschaft dieses Unterschichtendramas lautet: Es gibt immer einen Ausweg. Jeder kann reich werden, er muss sich nur anstrengen. Der Film spielt im San Francisco der frühen achtziger Jahre, die Fröhlichkeit der Flowerpower-Ära ist umgeschlagen in eine Atmosphäre der Unsicherheit und Angst. Am Anfang schaut Chris Gardner, gespielt von Will Smith, einer Fernsehansprache des neuen Präsidenten Reagan zu, der einen rigiden Sparkurs ankündigt. Anschließend läuft ein Beitrag über den Rubik-Würfel. Diesem Würfel – wir erinnern uns: man muss so lange an ihm drehen, bis alle Farbfelder zueinander passen – wird Gardner später seine Rettung zu verdanken haben.

Den mathematisch hochbegabten Helden verkörpert Smith als Mischung aus Musterknabe und Kindskopf, der sich bei den Bemühungen, aus der Armut herauszukommen, immer wieder selbst im Weg steht. Er hat seine Ersparnisse in radiologische Geräte investiert, unförmige Kästen, mit denen er nun, meist vergeblich, Arztpraxen und Krankenhäuser abklappert. „Wenn ich früher in der Schule eine gute Note bekam, war ich glücklich und dachte, dass mir alle Türen offen stehen“, sagt er. „Am Ende habe ich gesehen, dass sie alle verschlossen waren.“ Das Finanzamt sperrt sein Konto, weil er vergessen hat, die Steuern zu zahlen. Seine Frau (Thandie Newton) ist die ewigen Geldsorgen und das ewige Streiten leid und haut ab nach New York. Gardner strampelt sich ab: Er möchte ein guter Vater sein für seinen Sohn (Jaden Christopher Syre Smith, auch im wirklichen Leben der Sohn von Will Smith), auch deshalb, weil er seinen eigenen Vater erst mit 28 kennengelernt hat.

Die Gegenwelt zu den Obdachlosenunterkünften ist die Börse. Die Kurse explodieren, junge Makler fahren im offenen Sportwagen zur Arbeit. Dem italienischen Regisseur Gabriele Muccino, der erstmals in englischer Sprache gedreht hat, geht es nicht um Kapitalismuskritik. Aber er zeigt das obszöne Aufeinandertreffen dieser beiden Wirklichkeiten. Gardner bewirbt sich um ein Praktikum bei einer Anlagefirma und bekommt es, dank seiner Hartnäckigkeit, tatsächlich. Allerdings ist das Praktikum unbezahlt und von 40 Praktikanten wird nur einer übernommen.

Die Vater-Sohn-Geschichte trieft vor Pathos, und es fällt mitunter schwer, den gusseisernen Optimismus dieser Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Variante zu ertragen. Trotzdem ist „Das Streben nach Glück“ ein anrührender, streckenweise großartiger Film. Das liegt vor allem an Will Smith, der auch die komödiantischen Qualitäten seiner Rolle ausspielt und dafür, nach seiner Nominierung für „Ali“ (2001), mit einem Oscar belohnt werden könnte. Aus den Pechsträhnen seiner Figuren schöpft er immer wieder Slapstickszenen, scheiternde Einparkversuche mit dem Auto des Chefs und wilde Verfolgungsjagden mit einem Althippie. Will Smith, ein All-American-Held in der Tradition von James Stewart und Jack Lemmon, ist die perfekte Inkarnation des strauchelnden kleinen Mannes, der sich von den Nackenschlägen des Lebens nicht unterkriegen lässt. Man drückt ihm den Daumen, schon deshalb, weil man selber nicht auf der Fresse landen möchte.

In 18 Kinos; OV Cinestar SonyCenter

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