Kultur : Reichstag im Schummerlicht Berlins Stadtmuseum ehrt Maler Wolfgang Peuker

Jens Hinrichsen

Der Maler starrt gegen die Wand. In sein letztes Bild hat sich Wolfgang Peuker selbst mit hineingemalt, in eine Paraphrase auf „Die Hoffräulein“ von Velásquez. Die Palastwände erscheinen grau und leer, der Künstler selbst von Melancholie erfüllt. Das Bild blieb unvollendet, als er im Mai 2001 mit nur 56 Jahren starb. Knapp vier Jahre später zeigt nun die Stiftung Stadtmuseum in der Nikolaikirche die erste Peuker-Retrospektive. Sie war zuvor in Rostock zu sehen: knapp 80 Arbeiten, darunter 52 Ölgemälde.

Seine realistische Malweise und die Vorliebe für kulturhistorische Zitate weisen den Maler als Schüler von Mattheuer, Tübke und Heisig aus, den Exponenten der „Leipziger Schule“. Allerdings hat Peukers Mythenspiel nicht immer allzuviel mitzuteilen, häufig ist es nur gut gemalt und statisch, wie etwa die „Drei Grazien mit Minotaurus“. Dafür bringt es seine pessimistische Ansicht moderner Geschlechterbeziehungen auf den Punkt: So verbannt der Künstler den Holofernes kurzerhand aus seiner Version der berühmten Enthauptung. Zu sehen sind nur noch Judith und die blutbespritzte Amme. Seine Männerporträts zeigen Kulturgrößen als jämmerliche Randgestalten: den Malerkollegen Francis Bacon tieftraurig, Karl Lagerfeld stumpf posierend. Die Frauen setzen sich dagegen selbstgewiss oder gar als femmes fatales durch. So posiert „A.M. (Anna)“ von 1993/94 vor ochsenblutrotem Grund, mit stechendem Blick und glimmender Zigarette.

Ab 1991 lehrte Wolfgang Peuker an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. In dieser Phase entstanden düster-surreale „Porträts“ vom Berlin der Nachwendezeit. Die demontierten Reste der Mauer stapelt Peuker schon 1990 übereinander, nach dem Vorbild der „Gescheiterten Hoffnung“ von Caspar David Friedrich. Dann wieder dämmert der Reichstag im Schummerlicht dahin, während aus der Neuen Wache zombiehafte SS- Schergen marschieren. Ein eher enges Weltbild artikuliert sich da: Geschichte wiederholt sich doch.

Nikolaikirche bis 29. Mai

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