Kultur : Reichtum für alle

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Von Ursula Weidenfeld

Es ist, als habe man es mit zwei völlig verschiedenen Personen zu tun: der Chef der Deutschen Telekom, Ron Sommer, im März 2000. Die Hausse an den Aktienbörsen hat ihren Höhepunkt erreicht, die T-Aktie kostet mehr als hundert Euro. Ron Sommer, der Held. Ein Star, der alle anderen in den Schatten stellt. Der Mann, der Deutschland reich macht. Der den kleinen Leuten den Weg zum Wohlstand an der Börse weist. Reichtum – eine Lockung, die jeder versteht. Dr. Jekyll.

Ron Sommer, im Sommer 2002. Ein Mann, den viele als arrogant empfinden. Ein Habgieriger. Ein Unbelehrbarer, der den Glauben der Deutschen in die Wirtschaft erschüttert. Der sie arm macht. Der Managementfehler stur als Strategie verteidigt. Ein Mann, der eine Sprache spricht, die zum Schluss, vor seinem erzwungenen Rücktritt, nur noch wenige verstehen. Mr. Hyde.

Zwei Welten

Das ist nur einer der Widersprüche, die die Verständigung zwischen Wirtschaft und Bürgern erschweren. Die Manager begreifen das, was sie tun, als private Wirtschaft. Und doch tun sie es im öffentlichen Raum, sie treffen und betreffen durch ihr Handeln alle anderen. So entsteht eine Öffentlichkeit im ursprünglichen Sinne. Eine, die sich auseinandersetzt. Die jedoch nur in den guten, glücklichen Zeiten der Prosperität eine gemeinsame Sprache und Begrifflichkeit findet für das, was sie für Wirtschaft hält: Reichtum für alle.

In den schlechteren Zeiten sind es Welten, die zwischen Managern und Bürgern liegen. Tiefe Sprachbarrieren trennen die Wirtschaftswelt von der der Kultur, der Gesellschaft. Dabei erfordern die Verbindungen und Verbindlichkeiten zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Unternehmern, Bürgern und Städten, gerade jetzt die öffentliche Verständigung. In einer Zeit, in der sich die Unternehmen lieber zurückziehen in ihre eigene Welt. In der die Arbeit innen die Verletzungen und Enttäuschungen nach außen leicht vergessen und verdrängen lässt. In der Krise. Die Selbstverständlichkeiten, die neureichen Gesten des großen Einverständnisses sind verschwunden.

Es ist nicht allein die Größe der Unternehmen, die sie zu gewaltigen Mitspielern gegen ihren Willen macht. Es ist ihr Einfluss auf die direkten und indirekten Lebensadern, die offenbar nur sie alleine in ausreichendem Maß speisen können. Sie sind mächtig, stürzen durch ihr Geschick oder Ungeschick ganze Gemeinwesen in Euphorie oder – wie jetzt in München – in den vorläufigen Staatsbankrott. Dann schlägt die Stunde des beleidigten Bürgers, der sich empört, weil die Steuermittel ausbleiben, die doch die Kultur, die Schulen, die Bildung, die Polizei finanzieren müssen. Und die Stunde der verbitterten Kleinanleger, die beklagen, dass sich gescheiterte Manager hemmungslos die Taschen voll stopfen, bevor sie davongejagt werden. Während sie, die Machtlosen, leer ausgehen und arbeitslos werden. Es ist die Zeit der Moralisten, die nachweisen können, dass die Gier in der Welt der Nieten in Nadelstreifen zu Hause ist. Nicht aber in der Welt derjenigen, die noch – oder nun wieder – ehrlich denken und ihr Geld auf anständige Weise verdienen.

Sie haben Recht, die Aufrechten, Empörten und Enttäuschten. Das Fressen ist vorbei. Und die Moral? Die ist noch nicht da. Aber vermisst wird sie wieder.

Der Bürgersinn. Das Gefühl dafür, was sich gehört und was nicht. Die wahren Werte. Ehrlichkeit. Aufrichtigkeit. Bescheidenheit. Jetzt, wo es nicht mehr steigende Aktienkurse und wachsender eigener Reichtum sind, die uns den Blick verstellen, empfinden wir den Verlust der Werte doppelt schmerzlich. John Rawls Satz von der Gerechtigkeit gilt noch immer: Die Welt wird als gerecht empfunden, wenn alle vom Wohlstand profitieren. Sie wird vermisst, wenn einige profitieren, andere aber verlieren.

Und doch geht es um mehr als die Frage, wem es noch gut geht, wenn die börsennotierten Wohlstandsfantasien wie Seifenblasen zerplatzen. Was sind das für Gebilde, die – wie der Autokonzern Volkswagen – entscheiden können, dass sich in Wolfsburg innerhalb weniger Jahre die Arbeitslosigkeit halbieren möge? Oder die wie Kirch, Siemens, Allianz und Hypovereinsbank dafür sorgen, dass die reiche Stadt München im Sommer 2002 den finanziellen Offenbarungseid leisten muss?

Scheinbar autistisch existieren sie als Staaten im Staat, die dem Gemeinwesen und seinen Bürgern die Lebensgrundlage gewähren oder auch wieder entziehen. Die nach eigenen Gesetzen funktionieren, die sich nicht mitteilen können und auch nicht müssen. Was darf die Gesellschaft erwarten von den Unternehmen und ihren Chefs? Fortschritt? Wachstum? Was ist das noch wert, wenn Fortschritt darin besteht, dass Rationalisierungsgewinne eingestrichen werden, die Entlassenen aber nicht einmal mehr sicher sein können, dass ihr Nachwuchs einen Platz im Kindergarten bekommt. Solange geträumt wurde, dass irgendwann nur noch Roboter in den Fabriken arbeiten, deren Aktiendividenden uns alle ernähren, war der Fortschritt in Ordnung, Aber jetzt? Hat sich die Rationalisierung nun nicht als Rückschritt erwiesen, weil sie dafür sorgt, dass die Beschäftigten sich selbst abschaffen?

Die Manager denken in anderen Kategorien. Verblüfft schrecken sie auf, wenn von Korruption, Missbrauch und Herrschsucht die Rede ist. Sie sehen sich als Mitglieder einer internationalen Elite, in der nicht zählt, was ein Mann für sein Vaterland tut, sondern das, was er für sein Unternehmen tun kann. Oder für ein anderes Unternehmen. Die Ressource Top-Manager ist so knapp, dass keiner von ihnen ein Jahresgehalt von mehr als zehn Millionen Dollar anstößig findet. Im Gegenteil: Ein niedrigeres Gehalt würde Nachwuchsmanager abschrecken, sagen die Führungskräfte. Weil der Nachwuchs dann fürchten müsste, einem Arbeitgeber der zweiten Kategorie zu dienen. Wenn der Chef schon zu wenig verdient, dann ist es um den eigenen Aufstieg auch nicht bestens bestellt.

Mit der Konjunkturkrise ist das Ansehen der Manager ins Minus gerutscht. Ihre Glaubwürdigkeit, der Glaube an die Gerechtigkeit ist mit den bekannt gewordenen Bilanztricksereien oder den Millionenabfindungen für geschasste Bosse dahin. Selbst die besten Freunde würden heute nicht mehr für den Vorstandschef eines New-Economy-Unternehmens bürgen. Der Manager wird verachtet und der Unternehmer alten Schlages, der ehrbare Kaufmann wieder schmerzlich vermisst.

Zu Recht? Die meisten Unternehmen werden auch heute ordentlich geführt, die meisten Manager halten sich an die allgemeinen Anstandsregeln und die überwiegende Zahl der Arbeitgeber erpresst auch in wirtschaftlich miesen Zeiten die Beschäftigten nicht mit dem Hinweis auf wachsende Arbeitslosenzahlen. Doch die Anständigen haben ein Problem: Sie sprechen die gleiche Sprache wie die Unanständigen, sie benutzen dieselben Begriffe. Die Betrüger verstecken sich hinter der Sprache des Marktes, die Anständigen haben keine andere gelernt. So geraten auch sie unter Generalverdacht.

Es fehlt die Verbindung. Die, die früher von Eigentümer-Unternehmern hergestellt wurde, wenn sie gleichzeitig das Bürgertum der Städte und Regionen repräsentierten. Die von langjährigen Managern an der Spitze großer Aktiengesellschaften gepflegt wurde. Und es fehlt der lange Atem, auch denen, die Unternehmer auf ihre Spitzenpositionen berufen. Manager in Europa, besagt eine Studie, werden noch schneller gefeuert als Spitzenkräfte in Amerika. Leute, die wirklich Karriere machen wollen, arbeiten oft nur noch ein paar Jahre an einem Ort, in einem Land. Reicht das, um die Sprache der Menschen zu lernen? Ihre Konventionen?

Mit dem neuen Verständnis des Eigennutzes sei den Managern das Wissen um den Gemeinnutz verloren gegangen, klagen Soziologen wie der Jesuit Friedhelm Hengsbach. Im Glauben, es mit Adam Smith schon allen Recht zu machen, haben viele Manager (und ihre Kritiker) vergessen, dass Adam Smith für den allgemeinen Nutzen des Eigennutzes in „Moral and Sentiments“ eine Bedingung formulierte: Ein Wirtschaftssystem zum Wohle aller kann nur dann funktionieren, wenn die Regeln klar sind, nach denen gespielt wird. Wenn alle in dem Vertrauen handeln können, dass Verträge eingehalten werden, dass der Geschäftspartner ehrlich ist und auch ein unbeteiligter Dritter das Verhalten der Marktteilnehmer gutheißen würde.

Es gibt sie nicht mehr, die unbeteiligten Dritten. Denn längst ist jede Partei, jeder Bürger davon betroffen, wenn Babcock Borsig in die Pleite gewirtschaftet wird oder wenn die Bankgesellschaft eine Millionenstadt in Generalhaftung für das eigene Missmanagement nimmt. Als Beschäftigter, als Angestellter, als Steuerzahler, als Aktionär, als Rentner. Je vernetzter die Wirtschaft, desto zuverlässiger pflanzen sich die Schockwellen des Versagens einiger weniger fort – bis in den letzten Winkel des Gemeinwesens.

Stiften gehen

Dabei versuchen sie doch, wie Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank es nennt, gute Bürger zu sein. Gerade in der Krise. Sie haben eine Vision entwickelt: „Think global, act local“. Werde groß, aber benimm dich immer so, dass du dich in deiner Stadt noch blicken lassen kannst. Corporate Citizenship – das Unternehmen als Teil der Bürgergesellschaft – ersteht wieder auf. Es hat den Shareholder Value keineswegs abgelöst, im Gegenteil: Es soll ihn auf der lokalen und regionalen Ebene akzeptabel und angenehm machen. Nicht nur, weil die Firma vom City-Lauf bis zur Picasso-Ausstellung überall eine Runde ausgibt. Das erfolgreiche Unternehmen ist freiwillig Finanzier der Allgemeinheit. So, wie eine Privatperson stiftet, wollen es auch die Unternehmen halten: Mehr, wenn es gut geht, weniger, wenn es schlecht läuft. Quasi im Ehrenamt, als Debattenredner der bürgerlichen Gesellschaft.

Das müssen sie erst wieder lernen. Es bedeutet, dass aus Managern wieder Unternehmer werden müssen. Die bei aller Mäkelei über den Standort Deutschland, bei all der schönen Geselligkeit in der internationalen Elite nicht vergessen, wo sie und ihre Mitarbeiter leben und arbeiten. Corporate Governance, Corporate Citizenship: Es geht ganz einfach um Vernunft und Verantwortung.

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