Kultur : Reif für Beethoven

Jörg Königsdorf

über Stars am Pianisten-Himmel Für die meisten ist er noch das genialische Klavierwunderkind, das einst, noch an der Seite des greisen Karajan, mit Tschaikowskys erstem Klavierkonzert in der Philharmonie quasi über Nacht zum Weltstar wurde.Und tatsächlich sieht Ewgenij Kissin mit seinem Krauskopf und der jungenhaft ernsten Miene auch nicht so aus wie ein 34-jähriger Berufspianist, der seit mehr als anderthalb Jahrzehnten rund um die Welt tourt. Wenig von diesen Erfahrungen hat sich in seinem Gesicht eingegraben, und auch die CDs, die er in regelmäßigen Abständen einspielt, verraten wenig von einem Reifeprozess, von verrückter Schwärmerei oder Exzentrik – von sprühendem Witz oder gar augenzwinkernder Gelöstheit gar nicht zu reden. Kissin, so scheint es, ist der Peter Pan des Klaviers, der partout nicht erwachsen wird. Ein Einsamer, der mit seiner begnadeten Technik die Musik zwingen will, Antworten zu geben, die er eigentlich ganz anderswo suchen müsste. Und irgendwann, mit den ersten grauen Haaren, werden Ernst und Einsamkeit sich wahrscheinlich zur priesterlichen Aura verdichten, wird das ewige Wunderkind plötzlich zum „großen Alten“ geworden sein. Der Beethoven-Zyklus, den sich Kissin jetzt erarbeitet hat, ist da in gewisser Hinsicht eine Wegmarke: Weg vom romantischen Repertoire, von Prokofjew, Rachmaninow und Chopin, hin zum titanenhaften Heroismus Beethovens in der Tradition eines Emil Gilels. Erstaunlich lange hatte Kissin um den Korpus der fünf Klavierkonzerte einen Bogen gemacht, lediglich vor Jahren zwei der Werke eingespielt. Mit dem Gulbenkian Orchestra aus Lissabon unter Lawrence Foster stellt er nun am Montag und Mittwoch in der Philharmonie die Ergebnisse seines ersten Annäherungsversuchs vor.

Mit seinem Ringen um die große Kunst ist Kissin Meilen entfernt von der unmittelbaren Mitteilungsfreude eines Lang Lang, und auch vom aristokratischen Feinsinn Yundi Lis. Die denkbar weiteste Entfernung des Pianisten-Sternenhimmels besteht jedoch zwischen Kissin und dem klangsinnlichen Feinschmeckertum des nur wenig jüngeren Arcadi Volodos. Während der ernsthafte Kissin sich nie groß für die Petitessen der Klavierliteratur, die zahllosen Paraphrasen und Brillierstücke des Virtuosenrepertoires interessiert hat, sind gerade diese Werklein Volodos’ Domäne: Mit Schubert-Sonaten etwa hatte er wenig Glück, aber wenn Volodos seine irrwitzigen Transkriptionen spielte, war das Publikum regelmäßig aus dem Häuschen. Das ist Volodos natürlich auf Dauer nicht genug, und wie Kissin versucht er, den Weg zur künstlerischen Vollreife über Beethoven zu finden: Bei seinem Berliner Recital am 28. Februar in der Philharmonie stehen mit den Opuszahlen 26 und 110 gleich zwei Sonaten auf dem Programm. Jörg Königsdorf

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