Kultur : Reif für den Pinsel

Eine neue deutsche Künstlergeneration kehrt zur figurativen Malerei zurück – zwei Ausstellungen in Frankfurt

Christina Tilmann

Von Christina Tilmann

Es lag schon seit längerem in der Luft. Und Rundgänge bei Kunstakademien oder beim Art Forum, die Erfolge eines Neo Rauch, Norbert Bisky oder Jonathan Meese in den letzten Jahren belegten es: Die Malerei ist wieder im Kommen. Mehr noch, die gegenständliche Malerei, jene Kunstform, die seit langem als reaktionär und überholt gilt. Nicolaus Schafhausen, der Leiter des Frankfurter Kunstvereins, hat ein gutes Gespür für den Lauf der Zeit bewiesen, als er mit „deutschemalereizweitausenddrei“ eine programmatisch der neuen deutschen Malerei gewidmete Ausstellung zusammenstellte. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Seiten füllende Besprechungen in großen Tageszeitungen und ein Ansturm, wie ihn der Frankfurter Kunstverein kaum je erlebt haben dürfte.

Dabei ist die Ausstellung erst einmal nicht mehr als eine Behauptung: Kommentarlos sind die Bilder nebeneinander gehängt, dicht an dicht, Qualitätvolles neben Mittelmäßigem, exakte, technisch perfekte Arbeiten neben Ikonenkitsch, Comicfiguren, Fantasy-Runen oder schlicht Dekorativem. Eine Analyse der Vorlagen oder Themen, der Vorbilder und Schulen findet nicht statt – noch nicht? Und weil allein schon die These, es gebe so etwas wie eine Renaissance der gegenständlichen Malerei in Deutschland, gewagt erscheint, verteidigt sich der Katalog vorauseilend selbst, stellt bang die Frage, ob nicht ein möglicher Zusammenhang bestehe zwischen restaurativen Tendenzen innerhalb der „Berliner Republik“ und dem neuen Interesse an Malerei nicht nur auf Seiten der Produzenten, sondern auch auf Seiten der Rezipienten.

Wahr ist: Es ist eine neue Generation von Malern, die sich hier an der traditionellen Disziplin versucht – und es ist eine neue Publikums-Generation, die nach Jahrzehnten der Installation, der Video- und Konzeptkunst, der filmlastigen Documentas und Biennalen sich voller Begeisterung auf die neue Subjektivität der Maler wirft. Und so wird der „Generation Golf“, die in den vergangenen Jahren in der Literatur Erfolge feierte, in einer Rezension flugs die „Generation Klecks“ an die Seite gestellt: eine Künstlergeneration, die sich frei aller Vorlagen der Bilder- und Medienwelt bedient und mit allen technischen Finessen den „Bildersupermarkt“ recycelt. Die Protagonisten begegnen sich dabei: Dass Florian Illies, der die „Generation Golf“ literarisch auf den Punkt brachte, nun in einem „Spiegel“-Essay die Wiederkehr der Malerei feierte, ist keineswegs ein Zufall.

Ausgangspunkt ist in beiden Fällen der Wunsch nach einer Neubewertung der eigenen Subjektivität. Malen, das ist wie Schreiben in der Ich-Form: die Kunstform, die als eheste als persönliche Aussage zu deuten ist. Dass auch das malende Ich nur eine Rolle ist, so wie das schreibende, scheint vergessen. Aktionen wie „Lieber Maler, male mir...“, in denen Martin Kippenberger einen Plakatmaler mit hyperrealistischen Selbstporträts beauftragte, um aus dem Authentizitätsverdacht der Malerei auszubrechen, haben den Trugschluss, dass Malerei das Genre der künstlerischen Selbstaussage sei, schon Anfang der achtziger Jahre aufgedeckt. Hinter diese Reflektionsebene fallen die „deutschenmalerzweitausenddrei“ zurück – ausgenommen vielleicht der in Berlin lebende Carsten Fock, der mit der Filzstiftzeichnung „Lieber Ostmaler, male mir einen Tübke“ ausdrücklich auf Kippenberger Bezug nimmt. Zwar ist für viele der in Frankfurt Vertretenen die Malerei nur eine unter mehreren Formen künstlerischen Ausdrucks: Sie sind zugleich Installations- oder Performancekünstler, organisieren Ausstellungen und Zeitschriften. Doch der Gestus der Bilder ist in den meisten Fällen ein persönlicher, handschriftlicher.

Dabei reicht das Spektrum von Jonathan Meeses genialischem Duktus einer mit dickem Pinsel aufgetragenen Künstlerhandschrift zu Tim Eitels aseptisch kalten Stadtansichten: Hier das (vielleicht nur behauptete) künstlerische Ich, das sich auf der Leinwand austobt, dort der kühle, neutrale, nicht als eigene Handschrift erkennbare Blick auf die Welt. Dass viele Maler vom Erfolg der Fotografien der Becher-Schüler Andreas Gursky, Thomas Ruff und Candida Höfer gelernt haben, belegt die Vielzahl der fotorealistischen Großformate. Da werden die Zuhörer eines Rockkonzerts von Frank Bauer ebenso detailgenau porträtiert wie die Insassen eines Moskauer Gefängnisses (fünf Bilder von Antje Majewski, die zu den eindrucksvollsten der Ausstellung gehören). Gerhard Richters „18. Oktober 1977“ steht bei Johannes Kahrs’ „Meinhof 2001“ ebenso Pate wie die Tradition des ostdeutschen Realismus in Hendrik Krawens ikonenhaft goldgetöntem Bild des Thälmann-Denkmals über den Dächern von Berlin – nur ist es eine zitierte, geliehene Historizität, die etwas Posenhaftes hat.

Überzeugender ist da der Rückzug aufs Private, wie ihn vor allem Malerinnen üben: Eine Vielzahl von Kinderbildern, aneinander gehängt wie im Fotoalbum, nur dass auf manchen Bildern die Figuren zu bloßen Schemen, Schatten werden, zeugen von der vergeblichen Suche nach der verlorenen Zeit (Eva Schwab), ein junges Mädchen, das sich selbst die Haare schneidet, von der Verletzlichkeit der Jugend (Gabi Hamm). Dass sich die Malerinnen eher mit intimen Szenen, die Maler dagegen mit politischen Themen wie „Sniper“ (Eberhard Havekost), „Prinz Eisenherz in der Neuen Welt“ (Henning Bohl), dem US-Bundesadler über dem Berliner Fernsehturm (Wawrzyniec Tokarski), dem Western-Maler Frederic Remington (Tilo Schulz) oder eben Ulrike Meinhof beschäftigen – Rollenklischees oder mehr?

Viele Fragen. Fragen auch nach der Auswahl der Künstler. Wer etwa unter den jungen Malern die entscheidende Position des Neo Rauch vermisst, dessen hypergenaue und gleichzeitig traumhaft verfremdete Bilder den erneuten Durchbruch des gegenständlichen Malens einläuteten, wer meint, dass die von Kai Althoff ausgewählten Bilder im Kunstverein wenig repräsentativ seien, der findet in der benachbarten Schirn-Kunsthalle Bestätigung. Und ebenso derjenige, der eine Analyse der Vorlagen und Motive sowie eine Auseinandersetzung mit der Tradition des gegenständlichen Malens erwartet.

Die Wanderausstellung „Lieber Maler, male mir...“, die nach Paris und Wien nun als letzte Station in der Schirn zu sehen ist, kennt ihr Ziel: Sie ist als Verteidigung gedacht. Die Kuratoren sind „weit davon entfernt, an den Tod der Malerei zu glauben“, und „möchten nachweisen, dass die figurative Malerei voller Vitalität ist“, erklärt gleich die erste Schrifttafel. Und so werden von Francis Picabia, Sigmar Polke, Alex Katz, Bernard Buffet und Martin Kippenberger bis hin zu Neo Rauch, Elizabeth Peyton, Luc Tuymans und Bruno Perramant künstlerische Themen und Vorbilder offen gelegt. Geht man danach noch einmal in den Kunstverein zurück, sehen die jungen deutschen Maler plötzlich ganz schön alt aus.

deutschemalereizweitausenddrei, Kunstverein Frankfurt, bis 13. April, Katalog 29 Euro.

Lieber Maler, male mir..., Schirn Kunsthalle, bis 6. April, Katalog 20 Euro.

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