Kultur : Reif für die Couch

„Der schwarze Mönch“ an der Leipziger Oper

Uwe Friedrich

Am Ende spuckt Andrej Kowrin Blut und rutscht über eine hügelige Eislandschaft seinem Tod entgegen. Lungentuberkulose hat sich bereits in zahllosen Stücken als Todesursache für gescheiterte Genies bewährt, und so möchte auch der französische Komponist Philippe Hersant auf ein pittoreskes Verröcheln nicht verzichten. Schon der Beginn der Oper aber verheißt nichts Gutes. Der gelangweilte Andrej besucht Pessotski auf seinem Landgut und verliebt sich in dessen Tochter Tanja. Die Parallele zu Puschkins „Eugen Onegin“ ist gewiss beabsichtigt, Andrej singt ihr sogar die Arie des Fürsten Gremin aus der Tschaikowski-Oper vor, hält sie jedoch für eine Melodie aus „Pique Dame“. Eine Verirrung, die sich schon bald bei Andrej zu handfestem Wahnsinn ausbilden wird. Den schwarzen Mönch jedenfalls sieht außer ihm niemand.

Das Thema liegt derzeit spürbar in der Luft – und auch diese Oper ist unübersehbar von Melancholie angekränkelt. Mit seiner Partitur wirft Hersant einen sehnsüchtigen Blick zurück und wird bei fast allen nennenswerten Opernkomponisten des frühen vorigen Jahrhunderts fündig. Strauss, Bartók, Prokofjew, besonders Leoš Janácek haben es ihm offenbar angetan. Im süffigen Streicherklang setzen die Blechbläser immer wieder Akzente, und das Resümee des schwarzen Mönchs ist ein verspätetes Echo der kosmologischen Betrachtungen des Försters im „Schlauen Füchslein“.

Dazu lässt Bühnenbildner Klaus Grünberg schwarze Sonnen aufsteigen, und Doubles der Protagonisten vollziehen rituelle Handlungen. Mal spricht Andrej mit dem Mädchen, das Tanja einst war, mal trifft er sie in seiner eigenen Zukunft. Die Spannung zwischen „zu früh“ und „zu spät“ zeigt Regisseurin Tatjana Grübaca in korrespondierenden Bildern. Tanja fallen die weißen Notenblätter ihrer Romanze aus der Mappe, später wird der schwarze Mönch die Blätter aus dem Buch des Lebens reißen. Doch viel Raum bleibt nicht für zurückhaltende Vieldeutigkeit. Denn während Tschechow in seiner Novelle „Der schwarze Mönch“ offen lässt, ob es sich um eine Spukgeschichte oder einen klinischen Fall handelt, macht das Libretto schnell klar, dass Andrej dringend einen Psychiater braucht. Durchaus vorstellbar, dass der Text auf Französisch elegant klingt, doch wenn der Held singen muss „Ich habe mich nervlich ruiniert, mir scheint, ich bin frühzeitig ausgebrannt“, dann wird die Grenze zum Lächerlichen nicht bloß gestreift.

Dabei singt der finnische Bariton Tuomas Pursio den gefährdeten Charakter ausgesprochen charmant, klangschön und angemessen verzweifelt. Marika Schönberg lässt melancholisch ihre Romanzen erklingen, und der Dirigent Axel Kober macht sich mit dem Gewandhausorchester versiert zum Bauchredner der Musikgeschichte. Doch alles, wirklich alles in dieser Partitur wirkt wie bereits tausendmal gefühlt, aufgeschrieben, gesungen und gehört. Wenn Andrej im letzten Stadium des Verfalls also den Friedhofsgeruch im Krankenzimmer beklagt, lässt sich nicht leugnen, dass der auch deutlich wahrnehmbar durch das Leipziger Opernhaus zieht.

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