Kultur : Reifen in der Tür

KATRIN BETTINA MÜLLER

Früher hatten Zauberer Assistentinnen, die sich notfalls auch zersägen ließen. Heute reisen junge Bildhauerinnen mit einem Assistenten, der die notwendigen Handgriffe zur Erforschung des Raums ausführt. Das ist zumindest bei Elke Zacher so: Mit dieser ungewohnten Rollenaufteilung beginnt ihre Demontage von Skulptur und Bildhauermythen. Denn sie fotografiert ihren Assistenten bei der Arbeit nach ihren Anweisungen: In Pankow, Heimat der 1965 geborenen Künstlerin, hält er leere Hula-Hoop-Reifen an Schwimmbad-Wände und scharfkantige Blumenkübel, so das Absurde der Stadtmöblierung betonend. Oder er steht zwischen Betonrippen und auf leeren Sockeln, mit dem ganzen Körper Maß nehmend. Der verlorene Kampf um den anthropomorphen Maßstab im urbanen Raum scheint das Thema dieser "plastischen Ereignisse", wie Zacher ihre neuesten Werke nennt.

1994 brach Elke Zacher das erste Mal von Dresden, wo sie studierte, nach Frankreich auf, drei weitere Frankreich-Stipendien folgten. Zwischen den Stadtpalästen von Paris begann sie 1998 das Spiel mit Tennisbällen und Reifen, die ins Verhältnis zu Säulenbasen gesetzt, auf Gesimsen plaziert und in die Fugen von Rustika-Fassaden gequetscht werden. Dieses respektlose Klarstellen der Größenverhältnisse unterläuft die Monumentalität und das Pathos der klassizistischen Architektur.

Die Suche nach Strukturelementen der Wahrnehmung des Raumes hat die Bildhauerin schon früh beschäftigt. Mit transparenten Folien und perspektivischen Zeichnungen ist sie den Transformationsprozessen zwischen dem Raum und unserem Bild von ihm nachgegangen. Wie Sprachbilder die Anschauung organisieren, zeigte sie in einer Serie von Arbeiten, die Text und Objekte kombinierte. Dabei inszeniert Elke Zacher den trockenen Forschergestus stets mit einem sympathischen Schuß intelligenter Ironie.

So zeigt sie in der kommunalen Galerie Pankow mit dem Video "Mann, Reifen, Tür" eine lustige Referenz an den Reifentanz des Bauhäuslers Oskar Schlemmer. Er gehörte zu den Pionieren einer forschenden Kunst, die nach der Bedeutung der Koordinaten im Raum für die Position des Wahrnehmenden fragte. Zacher kommt ohne das missionarische Raunen vieler Bauhaus-Rekonstruktionen aus. Ihr Assistent, der die Reifen in einen Türrahmen quetscht, hat mehr von einem Zauberer, der das Zaubern verlernt hat, als von einem luziden Subjekt mit neuer Raumerfahrung.

Galerie Pankow, Breite Straße 8, bis 26.6.; Dienstag bis Sonnabend 14 - 18 Uhr.

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