"Reigen" von Arthur Schnitzler : Zehn kleine Streberlein

Rüdiger Schaper

Was ist ein Skandal? Vor achtzig Jahren, im Dezember 1920, fand in Berlin ein - bereits Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenes - Stück auf die Bühne, trotz eines vom preußischen Kultusministerium erlassenen Aufführungsverbots. Eine "obszöne Veröffentlichung", lautete das Urteil. In Wien kam es wegen jenes Stücks zu Schlägereien, das Theater wurde demoliert, die Zeitungen lieferten sich wütende Debatten, das österreichische Parlament erlebte eine Saalschlacht.

"Reigen" hieß das corpus delicti - ein modernes Schäferspiel in zehn Akten. Zehn Geschlechtsakten: Arthur Schnitzler komponierte eine ebenso zarte wie zwanghafte Libido-Stafette, einen Partner-Ringtausch. Die Szenen laufen alle nach der gleichen Regel ab. Lange, kokette Vorrede - Licht aus! - kurzes, trockenes Nachspiel. Oft verfilmt (von Max Ophüls und Roger Vadim), oft auf der Bühne kopiert (von Mark Ravenhill und Co., in "Sleeping Around"), ist Arthur Schnitzlers "Reigen" vom Skandalstück zum sanftmütigen Klassiker geworden. Da man inzwischen zu konsumieren gewohnt ist, was Schnitzler im Text mit einer feinen dünnen Linie ausblendet und was Anthony Burgess in "Clockwork Orange" das "alte Rein-Raus-Spiel" nennt, da man also überall, im TV, auf Plakatwänden, auf (Halb-)Pornografisches blickt, was soll, wohin kann man den "Reigen" noch drehen?

Tom Stromberg, der neue und nach wenigen Monaten schon angeschlagene Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, hat einen neuen "Reigen" organisiert. Und er führt vor, wie ein Skandal von heute aussieht. Keine Pfiffe, kein Geschrei, keine Prügel und auch kein Polizeieinsatz an Deutschlands größter Sprechbühne - das nicht. Ganz im Gegenteil. Ein zeitgenössischer Skandal ist kein emotional-moralischer Ausbruch, kein politisches Getöse, sondern eine leise, läppische Implosion. Das Verpuffen eines aufgeblasenen Events.

Strombergs Idee: Zehn Regisseure steigen über den "Reigen". Strombergs Programm: Die eine Hälfte des Regie-Rudels gehört fest zum Deutschen Schauspielhaus, wie Ingrid Lausund, Ute Rauwald, Franz Wittenbrik oder Jan Bosse, die andere Hälfte stammt, wie She She Pop / Showcase beat le mot, aus dem Gießener Talentschuppen und jener Grauzone, wo Kunsthochschulen, Off-Szene und Staatstheater sich inzwischen heftig berühren. Dem postdramatischen Mixed-Media-Gewerbe sind sie alle irgendwie verpflichtet, Strombergs Vertreter der grauen Generation der Dreißigjährigen, die sich ein Armutszeugnis ausstellt. Zweieinhalb Stunden lang herrscht uniforme Langeweile. Das einzig Obszöne an diesem Reihenversuch ist die erschreckende Fantasielosigkeit. Die Ununterscheidbarkeit der Handschriften.

Zehn Mal Gerede, Gequatsche um den kalten Brei. Ganz nett noch, wie Stefan Pucher sich über Schnitzlers Wiener Idiom amüsiert, das hat wenigstens Tempo. Sonst aber kommt das Schnitzlersche Panoptikum von Ehebruch, One-Night-Stand, Verführung, Prostitution und Vergewaltigung über matten Party-Flirt nicht hinaus. Es gibt im Grunde nur eine ästhetische Differenz: Wer zeigt Filmchen und wer lässt die Darsteller ohne Leinwand und Mikro auf der Riesenbühne verhungern, zwischen Achterbahn und Schiffsschaukel und King-Kong-Karussel. Klaus Grünbergs Bühne ist ein toter, verlassener Jahrmarkt, ein glitzernder Friedhof, auf dem mit gewaltigem technischen und personellem Aufwand viel Geld vergraben wurde. Zehn Mal dasselbe Lied. Die Männer sind zappelige, im Zweifel impotente Würstchen, die zickige, im besten Falle dominante Frauen beschwatzen.

Man wagt kaum daran zu denken, was passieren könnte, wenn eine elegante Schauspielerin wie Catrin Striebeck (als "junge Frau") oder eine blitzwache Edith Adam (als Stubenmädchen) ausbräche aus dem konzeptuellen Korsett dieser kontraproduktiven Kooperation konfuser Kopffüßler. Rührend, wie die gute, alte, unachahmlich freche, kichernde Ilse Ritter (als "Schauspielerin") den "Reigen" beschließt und sich quietschjung fühlen darf zwischen den früh Vergreisten und Vereisten.

Erotik, Hitze, Spannung, Konflikt gar: All das wird konsequent umgegangen, weil Klischees bedient sein wollen. Und die neuen Etikette des experimentellen, innovativen, jungen Theaters, zu dessen Charakteristiken offenbar eine schlagende Prüderie gehört. Zehn Mal schöpft man den Verdacht, und zehn Mal bekommt man sogleich den Beweis geliefert, dass ein hochgezüchteter Dilettantismus und das Desinteresse an Menschen, Geschichten, Situationen und Emotionen einander bedingen. Auch Eros verlangt Handwerk.

Strombergs versammelte Avantgarde bringt das Deutsche Schauspielhaus Hamburg an den Rand des künstlerischen Offenbarungseids. Wird man sich an diese neue, brave Form des Skandals gewöhnen müssen, oder droht, wie die Süddeutsche Zeitung meint, dem deutschsprachigen Theater ein neues Wiener Biedermeier der "Altmeister" Zadek und Bondy? Die "Restauration", die die Strombergs beklagen, schreitet in der Tat fort - in Hamburg und überall, wo das Pop-Theater zum popeligen Popanz wird.

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