Reihe „Hachimiri Madness“ auf der Berlinale : Vampire, Gangster, Schreckensschreie

Die Reihe „Hachimiri Madness“ im Forum zeigt wilde Acht-Millimeter-Frühwerke aus Japan. Hier geht es um Horror und Ganstergeschichten, aber auch um Emotionen und Selbstverwirklichung.

Helmut Merker
"I am Sion Sono!!"
"I am Sion Sono!!" aus dem Jahr 1985 ist eines der frühen Werke des Regisseurs Sion Sono.Foto: Berlinale

Acht Millimeter, 37 Minuten, zwei Ausrufezeichen: Wer so seine Filmkarriere startet, leidet kaum unter Minderwertigkeitskomplexen. Einen Platz im Weltkino erobert man sich damit noch nicht, das gelang Sion Sono erst 23 Jahre später mit „Love Exposure“, einem Wahnsinns35-Millimeter-Film. „I Am Sion Sono!!“ von 1985 gehört zur Forums-Reihe „Hachimiri-Madness“ auf der Berlinale mit lauter Acht-Millimeter-Wahnsinnsfilmen aus Japan.

Der früheste Film der Reihe stammt von Sogo Ishii, der durch seine tragikomischen Schilderungen des Nachkriegs-Japans bekannt wurde – mit Figuren, die so sehr nach Ordnung und Erfolg streben, dass sie darin untergehen. Etwa in „Die Familie mit umgekehrtem Düsenantrieb“ (1985 im Forum), wo die Idylle in furioser Zerstörungswut zerplatzt. In seinem Kurzfilm „Isolation 1/8800000“ bereitet sich ein einsamer Student verzweifelt, aber vergeblich auf die Aufnahmeprüfung zur Uni vor – eine Frühform all der Satiren auf die drakonische Strenge des japanischen Bildungssystems.

Kamera-Anweisungen mitten im Film

Elf Acht-Millimeter-Filme, das sind persönliche Zeugnisse, private Tagebücher, Spielwiesen, anarchistische Proteste. Das Format bestimmt Stil und Story, das Material ist rau und körnig, kurze Einstellungen, verblichene Farben – Kunstlicht kommt kaum zum Einsatz.

Die Berlinale 2016 in Zahlen
1 Goldener Bär wird am 20. Februar von der Jury unter Meryl Streep verliehen. Nun ja, eigentlich ist das schon falsch: Es gibt noch einen Gold-Bären, bei den Shorts. Den verleiht die Kurzfilmjury. Im Bild haben sich auch die Silbernen Bären mit eingereiht.
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1 von 18Foto: dpa
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Von besonderem Kaliber in diesem Raritätenkabinett sind die Werke von Sion Sono, vor allem sein erster Langfilm „A Man’s Flower Road“. Der Bruch mit allen filmischen Konventionen sorgt für ironische Momente, etwa wenn er mitten in der Szene seinen Kameramann anweist: „Die Entfernung auf unendlich stellen und einfach losdrehen!“ Das impliziert die sportliche Aufgabe für den Kameramann, mit der Beweglichkeit der handlichen Kamera Schritt zu halten. Die Folge: schnelle Schwenks, rasante Schnitte, und bei den Verfolgungsjagden rennt man den Figuren atemlos hinterher.

„Ich filme, also bin ich“

„Film ist Bewegung, ein Film ist wie ein Schlachtfeld. Liebe. Hass. Gewalt. Und Tod. In einem Wort: Emotionen“, so die berühmte Definition von Sam Fuller. An den ersten Teil hält Sono sich – von Gefühlen wird ausführlich geredet, oft mit Gebrüll, wie auf einem Schlachtfeld. Aber auf den Zuschauer springt keine Emotion über, weil die Figuren nicht wirklich Gestalt annehmen. Dem Regisseur geht es um Selbsterfahrung. „Ich filme, also bin ich“ – das wird allerdings oft über Gebühr in die Länge gezogen.

So findet sich in „The Rain Women“ die „gefühlt längste Zahnputzszene der Filmgeschichte“ (Katalog) im Damendoppel. In Kurzfilmen wirkt so etwas besser, wie die beiden Werke von Macoto Tezka zeigen. „High-School-Terror“, ein Sechs-Minüter, beweist, wie banal die Elemente des Horrorfilms sind: Eine junge Schülerin, allein im düsteren Klassenzimmer, plötzlich dräuende Musik, eine finstere Gestalt, die dreht sich um, das Gesicht in Großaufnahme: eine blutige Fratze. Ein Schreckensschrei, Ende.

„Unk“, 15 Minuten lang, zeigt zunächst in unbewegten Einstellungen ein Mädchen, das zwischen himmelhohen Wolkenkratzern herumturnt. Bis eine Art Weltraumschiff landet, aber der Film hat weniger mit einem Science-Fiction-Abenteuer zu tun als mit Walt Disneys „Fantasia“: In der heiteren Schlusssequenz bringt eine beschwingte Musik das handbemalte Filmmaterial zum Tanzen.

Zwei Männer, ein Mädchen, ein Koffer voll Geld, Autos, Schusswaffen – diese Kombination hat in der Filmgeschichte immer wieder für Furore gesorgt. Nobuhiro Suwas Gangsterkomödie „Hanasareru Gang“ gebührt darin ein Ehrenplatz, denn der Regisseur jongliert leichthändig mit den Genre-Elementen. Die beiden Helden geraten über die Frage, ob sie denn „gute“ oder „böse“ Gangster seien, in einen Disput. Kein Wunder, dass sie bei den späteren Herausforderungen durch Autos, Koffer und Revolver manchmal sogar die richtige Entscheidung treffen. Vor weiteren Überraschungen kann man dabei nie sicher sein – weder in diesem Film noch in der gesamten Underground- und Debüt-Retrospektive. Es gibt da noch Vampire auf der Lauer, eine Serienkillerin in Rosa und einen Mann, dem es fast so schlimm ergeht wie Kafkas Gregor Samsa.