Reihe "Mein Stern" (3) : Rot leuchtet die Solidarität

Im dritten Teil unserer Sternenkunden-Serie gehen wir heute auf eine kleine in die Zeit des Kommunismus als noch auf vielen Häusern, Flaggen und Fassaden rot Sterne prangten.

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Selten gewordener Deckenschmuck. Hier im kommunistischen China.
Selten gewordener Deckenschmuck. Hier im kommunistischen China.Foto: picture alliance / dpa

Wenn auf Erden etwas Außergewöhnliches geschieht, greift der Mensch zu den Sternen. Himmelt sie an, die Stars der Stunde, bestirnt Köche, Weine, Hotels. Leuchte uns heim in dunkler Nacht: eine kleine Sternenkunde zwischen den Jahren, täglich an dieser Stelle.

Das Hotel Solidarita in Prag war einst ein unglamouröser Hochhausklotz etwas außerhalb der berühmten Altstadt. Als dort im März 1988 ein Bus voller pubertierender westdeutscher Jugendlicher vorfuhr, machte sich bei ihnen eine Mischung aus Lästerstimmung und Faszination breit. Der Name des Hotels in Kombination mit dem roten Stern auf dem Flachdach wirkte recht exotisch auf die Mitglieder des nordrhein- westfälischen Hockeyclubs. Viele von ihnen befanden sich zum ersten Mal auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs. „Hey, ein Einsternehotel, das ist doch was“, scherzten die Kids, als sie den roten Stern sahen, der der einzige Farbfleck in der gräulichen Nachbarschaft war.

Wahrscheinlich hätte das sehr schlicht eingerichtete Hotel Solidarita mit seinem kargen Frühstück nicht mal einen halben Stern verdient gehabt. Doch für einen aufschlussreichen Einblick in den kommunistischen Alltag reichte es – und irgendwie passte das Ambiente auch zum Geist der Reise, die nicht nur touristisch motiviert war. Die Mädchen- und Jungenteams spielten gegen etwa gleichalte Prager Mannschaften (nur Jungs), was für die Teenies aus dem Rheinland auch eine Konfrontation mit den eigenen Privilegien bedeutete. Gespielt wurde nämlich auf holperiger schwarzer Asche, einem Untergrund, den man in Westdeutschland beim Hockey nie antraf. Hier waren Gras oder Kunstrasen üblich. Außerdem erfuhren die Jugendlichen, dass ihre Gegenspieler den Sport meist aufgeben mussten, wenn ihnen der Schläger kaputtging – es herrschte Krummstockmangel. Spontan organisierten die Gäste eine Sammlung alter Schläger. Hockey-Solidarität.

Der Stern auf dem Dach des Prager Hotels, das inzwischen den lahmen Namen Fortuna City trägt, ist längst abgebaut. Wie es überhaupt nach 1989 zu einem massiven Sternenschwund in den exkommunistischen Ländern kam. Von Flaggen, Fassaden und Uniformen wurde der klassische fünfzackige rote Stern verbannt. Ein paar Sportklubs, die ihn im Namen trugen, blieben ihm treu. Im Westen führen ihn linke Gruppen und Buchhandlungen noch im Logo. Doch ingesamt ist eine Bedeutungslockerung zum poppigen „Irgendwie-links“-Symbol zu verzeichnen. In Zeiten des RAF-Terrors wäre wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen, einen Versandhandel für T-Shirts mit roten Sternen drauf zu eröffnen. Heute kann man vielfältige Modelle im Netz erwerben. Für etwas mehr als 20 Euro ist man dabei.

Das Markenzeichen des Kommunismus wird vom siegreichen Kapitalismus, der selber nie ein ähnlich griffiges Logo aufweisen konnte, als poppiges Design vermarktet – man nennt das wohl Ironie der Geschichte.

Bisher erschienen: Zimtstern (24.12.)

Gourmet-Sterne (27.12.)

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