Kultur : Reim und Raum

NORBERT TEFELSKI

Zwischen Bett und Klo zelebriert Marcus Jeroch Friedhelm Kändlers "Wowoetik" in der Ufa-Fabrik(bis 1.8., Di-So 20 Uhr). Der textvertrackte Dichter aus Hannover setzte seinen Berliner Interpreten Jeroch persönlich in Szene : Durchs Bühnenbild stakst und spiralt eine animierte Wilhelm-Busch-Figur, rotbefrackt, mit puderstaubig toupiertem Haar und grotesk vergrößerter Gestik das verrenkte Wortwerk körperlich verdoppelnd. Der "Literarieté"-Künstler rezitiert punktgenauer denn je, seinem ursprünglichen Metier kommt nur noch gelegentliche, metaphorische Bedeutung zu - Hauptsache, die Reime fallen nicht runter. Etwa bei der zwangsneurotischen Endlosvariante eines bekannten Themas, dem wilden Addieren und Subtrahieren von "Zehn kleinen Dichterlein". "Verwechseln Sie nicht Verstand mit Rechtschreibung", läßt Kändler ausrichten, und wenn er die Sprache auf verborgene Bedeutungen abklopft, kommt dabei Kluges, Witziges oder Naives heraus. Auch platte Resultate - wie die Wendung von "Ge-schlecht" in "Ge-gut" - werden im Vortrag veredelt. Die ganze kongeniale Wucht der Leine-Spree-Connection zeigt sich, wenn Jeroch mit Hilfe hüfthoher Lettern das Wort "Dadaismus" auf eine Weise sinnverschiebt, wie es sich vermutlich die Dadaisten selbst nie hätten träumen lassen - ganz zu schweigen von populär vertonten Hintergründigkeiten wie der Rockballade "Klos to you". Und wenn Kändlers Erzeugnisse "toilettistischer Kunst" doch mal etwas etepetete daherkommen, hilft Ernst Jandl mit seiner "heruntergekommenen Sprache" aus, dann "sein es gewesen ein scheißen tag". Nicht zuletzt dank dieses grantigen Resümees sein es gewesen ein weitgehend witziger, mutiger, durchweg ungewöhnlicher Abend.

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