Kultur : Rein ästhetischer Natur

RONALD BERG

Für Berlin sei er zu mediterran: So erklärt der Plastiker Lothar Fischer, daß er hier erst nach zwanzig Jahren seine erste Einzelausstellung bekommt.Tatsächlich ist der von 1975 bis 1997 an der hiesigen Hochschule der Künste lehrende Professor wenig bekannt.Mit einer umfangreichen Retrospektive zum 65.Geburtstag sucht das Georg-Kolbe-Museum, diesen Umstand zu ändern.

Lothar Fischers Werk der letzten zwanzig Jahre, auf das sich die Ausstellung beschränkt, hat eine klare Tendenz.Es bewegt sich vom Volumen zur Räumlichkeit.Die nicht chronologisch, sondern nach Materialien - Eisen, Bronze, Ton - geordnete Präsentation spielt diese Entwicklung etwas in den Hintergrund.Mit Torsi der siebziger Jahre setzt die Ausstellung ein, an Fischers einzigem Motiv, der Figur, spielt sie sich ab.Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Fischer schon eine ziemliche Wegstrecke zurückgelegt: Studium an der Münchener Akademie, anschließend - 1958 - Mitgliedschaft in der Gruppe "Spur", mit ihrer Vermählung von Informel und Figuration, dann Mitarbeit bei der Gruppe "Geflecht" und schließlich der Einfluß des Pop in den sechziger Jahren.

Von dieser Phase bewahrte sich Fischer die "Hüllen".So wie er damals an Claes Oldenburg erinnernden Tuben und daran anschließend Gewandhüllen aus Tonplatten modellierte, so entstehen die im Kolbe-Museum gezeigten Torsi aus Tonscheiben, die zusammengesetzt einen Hohlraum umschließen.Im Laufe der Zeit werden die voluminösen Körper schlanker, erscheinen als Stelen und bekommen schließlich Gliedmaßen, die ausgreifen und Räumlichkeit definieren.Aus formalen Gründen erhalten die stehenden oder sitzenden Figuren dann sogar noch etwas in die Hand gedrückt: einen Tierschädel, ein Kind oder einen Becher.

Das zentrale Werk der Ausstellung, die acht überlebensgroßen Statuen des Entwurfs für den Hamburger Meßberghof, führen das prototypisch vor.Im Grunde bestehen diese "Menschen" nur aus Volumen und Raum, aus kompakten Körpern, und raumbildenden Leerstellen.Die Masse, die diesen mit Gipsmörtel überzogenen Styroporkörpern im Rumpf ausgespart bleibt, wird an anderer Stelle vor dem Körper wieder in eine Form integriert.So wirken die Statuen auch nicht disproportioniert, obwohl sie sich anatomisch nicht korrekt verhalten.

Der menschliche oder tierische Körper ist nur Ausgangs- und Bezugspunkt, von dem aus Fischer in die plastische Form fortschreitet.Aber die Beziehung zum Ursprung im Kreatürlichen bleibt Anhaltspunkt, wie weit der Künstler abstrahieren und die Form verändern kann, ohne lächerlich zu wirken.Fischer bleibt im Rahmen einer Plausibilität der Form.Als Plastiker, der so gut wie alle seine Formen aus Ton erschafft, auch wenn sie später in Eisen oder Bronze gegossen werden, verhält er sich also gleichsam demiurgisch: Die Plastik wirkt wie organisch, weil sie den natürlichen Gesetzen der Form gehorcht, welche die Verhältnisse zwischen Schwere und Statik wahrt.

Fischer arbeitet parallel zur Natur.Das ist seine Qualität und das macht ihn zum Unzeitgemäßen.Vielleicht erklärt es auch die Ignoranz, mit der Berlin dem gebürtigen Oberpfälzer begegnete, da doch die preußische Großstadt traditionell weniger den sinnlichen als den geistigen Prinzipien folgt.Doch darum geht es Fischer nicht.Fischers Figuren bedeuten nichts, trotz Titel wie "Hohe Mutter", "Guter Hirte" oder "Sphinx".In der Regel kommen die Titel nämlich erst am Schluß und lauten "Aktbrett", "Stehende Vierkantfigur" oder "Scheibenreiter": Sie beschreiben also eine Form.Oft haben die Figuren etwas Archaisches.Fischer abstrahiert, indem er reduziert und typisiert, indem er also tektonisch baut, wie wir es von den Primitiven mit ihren Idolen kennen.Diese Arbeit geschieht spontan.Zwar gibt es Ideenskizzen, doch sind etwa die ausgestellten Pinselzeichnungen keine Vorzeichnungen, die die Form der Plastik schon genau festlegen.Natürlich gibt es zwischen Pinselzeichnung und Bronzen Verwandtschaften, die liegen aber nicht allein im Formalen, sondern im Akt des Entstehens.

Hierin mag die Erotik zu finden sein, derer sich Fischer als Ausgangspunkt seiner Arbeit bedient.Er arbeitet wohlgemerkt ohne Modell.Seine Figuren zeigen Weiblichkeit als Prinzip der Form, der Proportion, des Runden und Geschlossenen.Aus diesem Grunde kann er auch auf die Gliedmaßen verzichten.Denn hier werden keine amputierten Frauen dargestellt, sondern Formen rein ästhetischer Natur.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 31.Januar 1999, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.Das aus Anlaß der Ausstellung herausgegebene Werkverzeichnis kostet an der Museumskasse 68 DM.

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