Kultur : Rein ins Eis

Tierleben (2): die Arktis-Doku „Der weiße Planet“

Hendrik Lakeberg

Heinz Sielmann? Bernhard Grzimek? Die Zeiten der altväterlichen Tierfilm-Erzähler sind vorbei. Tierfilme sind heutzutage bildgewaltige Etüden auf die Natur, die den Menschen als identifikationsstiftende Figur nicht mehr benötigen. Das zeigt der große Erfolg von Werken wie „Die Nomaden der Lüfte“ oder „Die Reise der Pinguine“. Auch die französischen Dokumentarfilmer Stéphane Millière und Thierry Piantanida schwelgen in „Der weiße Planet“ in atemberaubenden Aufnahmen von flackernden Nordlichtern und glitzernden Eispartikeln, die in nachtschwarzem Wasser tanzen. Sie lassen ihre Kamera über mächtige Eisschollen gleiten, heften sich an die Fersen einer Karibu-Herde und begleiten einen Wolf beim Beutezug. Die erzählerische Klammer ist eine Eisbärin, die im Schnee ein Nest für den Winter baut und im kurzen arktischen Sommer ihren umhertollenden Jungen das Jagen beibringt.

Eine technisch brillante Optik, ein pathetisch tönender Erzählgestus und ein esoterisch anmutender Soundtrack sind die üblichen Zutaten für einen modernen Tierfilm. In einem Punkt unterscheidet sich „Der weiße Planet“ jedoch: Millière und Piantanida verzichten darauf, menschlichen Gefühlskitsch auf die Tierwelt zu projizieren. Der Film macht unmissverständlich klar: Hier geht es um mehr als nur Einzelschicksale. Star des Films ist die Arktis selbst, ein grimmiger, lebensfeindlicher und gleichwohl berauschend schöner Ort.

Zwar belehrt der knappe, poetisch verdichtete Off-Kommentar – gesprochen vom Bravo-TV-Moderator Ben – den Zuschauer nicht über ökologische Details. Vielmehr vertraut der Film auf die atmosphärische Kraft der Bilder, beschwört die Alchemie der Natur und ihre mystische Kraft. Allerdings erklingen episch wabernde Inuit-Chöre dazu, als Vorbereitung auf die Botschaft: Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung bedroht den majestätischen Lebensraum Arktis. Aber weil ein visuelles Spektakel das nächste jagt, verliert sich die engagierte Botschaft am Ende in der Flut schöner Bilder.

In 10 Berliner Kinos. Französisch mit deutschen Untertiteln im Cinema Paris

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