Kultur : Rein nach Gefühl

Helge Schneider gastiert im Berliner Schiller-Theater

Kai Müller

„Die meisten Kritiker meinen, ich mache Nonsens, aber das ist genau das falsche Wort dafür“, hat Helge Schneider einmal gesagt. Zu beschreiben, was es aber stattdessen ist, fällt auch nach all den Jahren schwer, in denen er als Entertainer (auf der Bühne), als Kommissar (im Kino), als Musiker (im Jazzclub) und als Rätsel (in Talkshows) aufgetreten ist. Denn nicht immer ist Helge Schneider wirklich komisch. Dass seine Fans auch beim Auftaktkonzert seines Berlin-Gastspiels im Schiller-Theater vor Lachen losbrüllen, obwohl er nur mal eben eine Bemerkung über die „Außentemperaturen“ von sich gibt, zeigt allerdings, dass sein Spiel mit dem Erwartbaren, seine ironischen Anspielungen und die Selbstdemontage als Clown auf einem schmalen, missverständlichen Grat tänzelt (fast alle Vorstellungen bis 19. Januar sind bereits ausverkauft).

Oder stakst. Denn staksend, mit steifen Puppengliedern, die den Gang des vornehmen Herrn persiflieren, stolziert Schneider zwischen seinen Requisiten umher. Er hat dabei etwas an, das entfernt dem Kostüm eines mexikanischen Messerwerfers ähnelt, wenn nur dieser komische Hut nicht wäre – und das andauernde Grinsen. Was macht er eigentlich die ganze Zeit? Eine Frage, die man sich am Ende des beinahe dreistündigen Abends bei einem knappen Dutzend zerfaserter Songs unweigerlich stellt. Gewiss sind seine Lieder auch exzellent gespielt, sofern sie überhaupt einmal ausgespielt werden. Denn sobald ihr Bauprinzip enthüllt ist, neigt der genialische Scharlatan dazu, sie wie eine alte Pappschachtel wegzuwerfen.

Also was macht er? In Amerika gibt es für Unterhaltungsartisten seiner Art den schönen Begriff des „Crooners“. Der sitzt meist auf einem Barhocker und plaudert zwischen den Songs mit dem Publikum. Schneider macht eigentlich dasselbe. Wobei er die meisten Pointen nicht erzählt, weil ein Lied dazwischen kommt.

„Wir spielen jetzt rein nach Gefühl“, sagt er mit Blick auf seine Mitstreiter, den Schlagzeuger Pete York und Jimmy Woode am Bass. In den Kulissen der Schneiderschen Spaßwelt wirken diese beiden großartigen Instrumentalisten merkwürdig fehl am Platz. Kaum, dass ihnen mehr als ein paar Takte Mäuschen-Jazz abverlangt werden. Welche Klasse ein Mann wie Woode indessen besitzt, der mit Legenden wie Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Louis Armstrong gespielt hat, kommt erst ganz am Ende zum Vorschein. Er singt eine herzzerreißende Version des Armstrong-Klassikers „Georgia On My Mind“. Und wenn er mit brüchiger Stimme „Georgia ... Georgia“ wimmert, ist alles Ulkige, Lächerliche, mit dem Schneider seine musikalische Extravaganz vernebelt, wie weggeblasen.

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