Kultur : Reine Lehre rechts und links der Ilm

FRANK PETER JÄGER

Manchmal fragt man sich, ob es im alten Weimar überhaupt etwas gab, wobei der umtriebige Dichterfürst nicht seine Finger im Spiel hatte. Das "Römische Haus" im Park an der Ilm gehört jedenfalls nicht zur goethefreien Zone. Am 27. Mai 1787 sandte der Dichter aus Italien einen Brief an seinen Freund und Mäzen, den Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, in dem er versichert: "An Ihre Anlage habe ich oft gedacht . . . Gartenhäuser und Brunnen bringe ich mit." Des Dichters Telegrammstil meinte wohl Skizzen und Pläne solcher mediterraner Gartenarchitekturen.Dem Herzog stand der Sinn nach einem klassizistischen Palazzo, wie er unter den Aristokraten in Frankreich und Großbritannien im Mode gekommen war. Im Juli 1797 konnte Herzog Carl August den Einzug ins "Neue Hauß" feiern. Es kann als steingewordenes Erinnerungsstück an Goethes Italienreise gelten. Unlängst wurde das Römische Haus nach einer umfassenden, 5,3 Millionen Mark teuren Sanierung wiedereröffnet. Im hinteren Teil des Ilmparks gelegen, ist es derart an die obere Kante eines schroffen Geländesprungs zwischen Ilmtal und der umgebenden Hochfläche gerückt, daß es über der Flußaue zu schweben scheint. Zur Talseite hin ruht der Bau auf klobigen Stützpfeilern, auf der Anhöhe dagegen präsentiert er sich als eingeschossiger Säulenportikus mit prächtigem Giebelfries. In den drei Sälen des Tempelchens haben die Restaurateure den prachtvollen floralen Wandschmuck in leuchtenden Farben wiederhergestellt. Durch die hohen Fenster in satte Helligkeit getaucht, erstrahlen die Räume in wahrhaft südlichem Licht.Im Untergeschoß richtete die Stiftung Weimarer Klassik eine ständige Ausstellung zur Geschichte des Ilmparks ein. Sie beherbergt nicht zuletzt Originalplastiken aus der Entstehungszeit der heutigen Anlagen, wie die prächtige, 1883 von Hofbildhauer Martin Gottlieb Klauer angefertigte Sphinx. Auch Goethe war an der Gestaltung des Parks beteiligt. Er entwarf eine künstliche Felsenklamm, das sogenannte "Nadelöhr", das bis heute erhalten ist. Das Römische Haus ist ein sprechendes Zeugnis der innigen Freundschaft zwischen Goethe und dem Fürsten: "Den Bau des Gartenhauses übergebe ich Dir gantz", schreibt jener dem Dichter im Dezember 1792, "und tue, als wenn Du für Dich bautest; unsere Bedürfnisse waren einander immer ähnlich."So viel Seelenverwandtschaft zwischen Goethe und Carl August animiert, den Blick über das Ilmtal hinweg zum gegenüberliegenden Hang schweifen zu lassen. Dort steht, keine 400 Meter entfernt vom Römischen Haus, ein Bauwerk, das dem Haus des Herzogs in manchem geistesverwandt sein dürfte: das sogenannte "Haus am Horn".Das eingeschossige, exakt quadratische Gebäude mit Flachdach wurde 1923 in nur vier Monaten für die erste Leistungsschau des Bauhauses errichtet. Es ist das erste vom Bauhaus errichtete Haus und sein einziges architektonisches Zeugnis in Weimar. Die Bauhäusler plazierten es in ebenso selbstbewußtem Geltungsanspruch wie das Römische Haus unübersehbar oberhalb des Tals. Wie das Gartendomizil des Fürsten verkörpert es den Wunsch nach Rückkehr zur reinen, wesentlichen Form.Dieses Kleinod der Moderne ist nach umfangreichen Wiederherstellungsnahmen seit April wieder öffentlich zugänglich. Seine Entstehungsbedingungen waren weit weniger fürstlich als die von Carl Augusts Park-Haus 140 Jahre zuvor. Die Bauphase fiel in den Höhepunkt der Inflation. Die dem Bauhaus für das Vorhaben zufließenden Spenden verloren in Windeseile an Wert. Schließlich erstellten die bauausführenden Weimarer Bauhütten den Bungalow zum Selbstkostenpreis. Sein Schöpfer war ein - begnadeter - Dilettant: der Maler und Bauhauslehrer Georg Muche, der keine architektonische Ausbildung besaß. Betreut wurde das Projekt vom Architekturbüro von Walter Gropius.Wie das Römische Haus ist auch die Bauhaus-Villa das Ergebnis eines schöpferischen Teamworks zwischen Architekten und Künstlern verschiedenster Disziplinen: Mehr als zwanzig Lehrer und Studenten, unter anderen Gunta Stölzl und der spätere Bauhausdirektor Marcel Breuer, trugen mit ihren Entwürfen für Möbelstücke, Lampen und Wandbehänge zur Einrichtung des Hauses bei.Alle Räume gruppieren sich um das zentrale, oberlichtbekrönte Atrium. Frappierenster Eindruck des Gebäudeinneren sind seine geringen Dimensionen. Im Badezimmer kann man sich kaum umdrehen, der Boden des Eßzimmers ist als poppiges rot-weiß-blaues Karomuster angelegt um die nur acht Quadratmeter größer erscheinen zu lassen. Allein der erhöhte Salon in der Mitte des Hauses vermittelt Großzügigkeit. Beeindruckend wirkt hier auch das intensive, sphärische Licht. Gefiltert durch das Milchglas des Oberlichtfensters erfüllt es bei Sonnenschein das gesamte Zimmer. Hier offenbart sich die Vision des Bauhauses von Licht und Raum.Schon auf den wenigen Quadratmetern ihres ersten Hauses wollten die Bauhäusler viel von ihrem gesellschaftspolitischem Konzept unterbringen: Es war für eine moderne Kleinfamilie gedacht, die ohne Dienstmädchen auskommt. Die Zimmer sind so organisiert, daß die Hausfrau deren Pflege alleine bewältigen kann. Vom Küchenherd aus hat sie durch zwei Verbindungstüren das Kinderzimmer stets im Auge. Mann und Frau schlafen in getrennten Zimmern, doch in beide Zimmer paßt kaum mehr als ein meterbreites Bett. Behagliche Ehebetten galten Muche offenbar als Relikte einer überwundenen Epoche.Bis Anfang 1998 war das Haus bewohnt. Die ursprüngliche Farbgestaltung der Räume und ihre Einbaumöbel konnten in akribischer Kleinarbeit fast in allen Fällen zweifelsfrei wiederhergestellt werden. Eine Ikone der Moderne erstrahlt in neuem Glanz. Leider verstellen heute die hoch gewachsenen Bäume die Sicht von einem Klassiker zum anderen - die Zeitschneise zwischen Gropius und Goethe bleibt an dieser Stelle eine gedachte.Weimar, Römisches Haus im Ilmpark, Dienstag bis Sonntag 10-19 Uhr. Haus am Horn, Am Horn 61, Mittwoch, Sonnabend und Sonntag 10-18 Uhr.Adolf Meyer: "Ein Versuchshaus des Bauhauses in Weimar", Bauhausbuch 3, Reprint von 1924, Weimar 1997, 30 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar