Kultur : Reine Topfsache

Der Pillentrick: Zum zweiten Mal verleiht die Schering-Stiftung einen Förderpreis für junge Künstler und putscht das Konzern-Image auf

Nicola Kuhn

Der Mann hat Humor: schlägt Styroporplatten auf seinem behelmten Kopf entzwei, klappt vor dem Bauch einen geblümten Liegestuhl auf und zu, legt sich in eine Tonne und rollt darin als später Diogenes hin und her. Was in dem Video von Thorsten Brinkmann komisch aussieht und den Betrachter unweigerlich zum Lachen reizt, sind ernsthafte Abhandlungen über Skulptur. Denn all das kann heute Bildhauerei sehr wohl umfassen: die Verwendung alltäglicher Gegenstände und die performative Interaktion mit ihnen.

Richtig zu sehen bekommt der Betrachter diesen gewitzten Analytiker des Skulpturalen allerdings nie. Stets ist sein Kopf vom oberen Bildrand abgeschnitten, oder sein Haupt verschwindet im schützenden Helm. Auch auf dem Selbstporträt „So viel wie möglich tragen auf einmal“ bleibt sein Konterfei unter einem Mülleimer verborgen. Dazu hält er als lebendes Standbild mehrere Kaffeemaschinen, eine Straßenbarke, ein Wäschereck und die Trommel eines Trockners. Gleichzeitig. Der Mann will es ganz offensichtlich wissen.

In der Berlinischen Galerie steht Thorsten Brinkmann nun leibhaftig neben seinen Werken und macht ein langes Gesicht. Denn jemand anderes hat den Förderpreis Bildende Kunst der Schering- Stiftung gewonnen. Immerhin gehört der 37-Jährige zu den fünf Finalisten, die bundesweit von zehn Institutionen vorgeschlagen worden waren und sich nun in einer gemeinsamen Ausstellung präsentieren dürfen. Erst aus diesem kleinen, feinen Kreis hat die Jury den Gewinner ausgewählt, wodurch bereits die Teilnahme an der Endrunde für einen Nachwuchsbildhauer (fast) wie die Erringung eines Sieges ist.

Der mit 10 000 Euro dotierte Preis ging gestern an die iranische Künstlerin Nairy Baghramian, seit 1985 in Berlin lebend. Unter den Nominierten ist sie die Stillste, die Gradlinigste, die Subtilste – und die einzige Frau. Ihre aus zwei Metallrahmen, einer gebrochenen, sich spiegelnden Fläche bestehende minimalistische Skulptur ist einfach bestechend. Mit der charmanten Empfehlung an den Betrachter, sich unter diversen vorgeschlagenen Titeln – „Das hübsche Eck“,, Empfangszimmer“ oder „Windfang“ – einen eigenen auszuwählen, entwickelt sie außerdem ein komplexes Verweissystem. „Ein Werk steht nie für sich allein“, erklärt die 35-Jährige, die zuletzt eine Einzelausstellung in der Baseler Kunsthalle erhielt. „Die Vergangenheit spielt immer mit hinein“, ergänzt Ursula Prinz, stellvertretende Direktorin der Berlinischen Galerie und hier in einer Doppelfunktion zugleich Jurorin und Kuratorin der Nominiertenausstellung, in Anspielung auf das Herkunftsland der Preisträgerin.

Ganz offensichtlich hat die Jury eine Richtungsentscheidung getroffen, nachdem mit der Beschränkung diesmal auf Skulptur eine wichtige Vorgabe durch die Schering-Stiftung gemacht worden war. Bei der zum zweiten Mal vergebenen Auszeichnung, 2005 ging sie an eine Malerin, feilt man deutlich am Profil. Das muss auch sein, denn in Deutschland werden Jahr für Jahr 2000 Kunstpreise verliehen, viele von Unternehmen gestiftet. Allein in Berlin machen regelmäßig der Piepenbrock-Preis für Skulptur, der mit dem Hamburger Bahnhof verbunden ist, sowie der Bernhard-Heiliger-Förderpreis im Bereich der Skulptur auf sich aufmerksam. Im Herbst richtet sich wieder der Fokus auf den von BMW geförderten Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, der es mit dem Nominiertenprozedere dem Londoner Turner-Preis nachzumachen sucht, allerdings von dessen öffentlicher Wirkung noch weit entfernt ist.

Denn darum geht es bei aller Förderung und mäzenatischem Einsatz eben auch: dass sich ein Unternehmen in einen positiv besetzten Kontext rückt. Mit junger Kunst, insbesondere in Berlin, ist dieser zweifellos gegeben. Innovation, Zukunftsperspektive, Kreativität lassen sich als Schlüsselbegriffe automatisch aus diesem Kulturtransfer herausschlagen. Den schönsten Synergieeffekt gibt es obendrein, wenn der Regierende Bürgermeister in seinem neuen Nebenamt als Kultursenator das Grußwort spricht. Das machte er gestern mit gewohnt leichter Hand und appellierte nebenbei für mehr Skulptur im öffentlichen Raum, was den Politiker im Kunst-Pelz verriet.

Sei’s drum: Kunstpreise übernehmen eine wichtige Funktion. Der klammen Berlinischen Galerie bietet er eine interessante, kostenfreie Schau, den nominierten Künstlern – außerdem: Jan Bünning, Michael Sailstorfer und Marco Schuler – ein hervorragendes Forum. In Zeiten, in denen die Museen fast nur noch über Drittmittel ihre Ausstellungen zustande bringen, ist das Angebot einer selbst kuratierten Preisausstellung hoch willkommen – „wenn es sich nicht um eine Eintagsfliege handelt“, warnt Ursula Prinz.

Der Schering-Förderpreis bleibt jedenfalls auch nach der Fusion mit der Bayer AG erhalten. Kunst schmückt noch jeden Pharmagiganten.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, bis 9. 4.; täglich 10 – 18 Uhr.

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