Kultur : Reine Wellen

THEATER

Tobias Lehmkuhl

Die ornamentale Schönheit der Schlangenlinie und die vollendete Form des Kreises sind die Hauptmotive in Christoph Winklers neuem, von dem gleichnamigen Buch des Philosophen Giorgio Agamben inspirierten Tanzstück Homo Sacer (noch vom 19. bis 22. Februar, produziert von den Tanztagen Berlin). Sie springen von Tänzer zu Tänzer über, rollen zu Wellen gebündelt über die Bühne. Das einstündige Stück verlangt den Akteuren enorme Schnelligkeit ab. Dabei schaffen sie es, geschmeidig, ja geradezu widerstandslos gelenkig zu bleiben. Selbst das häufige Zu-Boden-Fallen wirkt wie fatalistisch-schmerzloses Hingeworfensein. All das steht in scheinbarem Widerspruch zum gedanklichen Überbau des Stücks. Der in Momenten der Stille und des Stillstands rezitierte Text Kafkas sowie eine Zeugenaussage aus einem Den Haager Kriegsverbrecherprozess bilden den Assoziationsrahmen, auf den auch die uniforme Kleidung der Tänzer und das Bühnenbild abzielen. Hier geht es nicht um einzelne Individuen, sondern um einen Menschentyp: den Gefangenen, den der Macht und dem Gesetz Ausgelieferten. Der Kontrast der geschundenen Figur zur Grazie der Bewegung wirkt extrem, ließe sich aber mit Kleists Gedanken zum Marionettentheater erklären. Größte Eleganz der Bewegung ist demnach nur möglich, existiert kein Bewusstsein von ihr. Im Kollektivwesen – Agambens Lagerinsassen – findet sich diese Prämisse erfüllt. Am Ende lässt die Stille in den dunklen Sophiensaelen unheimlich laut das Atmen eines Tänzers hören. Erschrockener Applaus.

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