Reiner Kunze zum 70. : Im Herzen barfuß

Sensible Wege: Der Lyriker Reiner Kunze wird siebzig

Katrin Hillgruber

Kassel, im Frühherbst 1988: In der Jugendherberge wird Reiner Kunzes Film „Die wunderbaren Jahre“ gezeigt, um eine westdeutsche Wandergruppe am Vorabend ihrer Reise in die sächsische Schweiz für das Abenteuer DDR ideologisch zu wappnen. Unter einigen Zuschauern kommt wegen der Einseitigkeit des Films Unmut auf; man beschließt, sich dem holzschnittartigen Lehrstück zu entziehen und stadteinwärts den ersten Federweißen trinken zu gehen. Reiner Kunze war schlecht beraten, die Regie bei der Verfilmung seines regimekritischen Bestsellers selbst zu übernehmen. Die Veröffentlichung der „Wunderbaren Jahre“ im S. Fischer Verlag – der Titel bezieht sich auf das Alter von elf bis fünfzehn, das Salingers „Fänger im Roggen“ als „wunderbar" bezeichnet – hatte 1976 zu Kunzes Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR geführt. Der offenbare Intimfeind des Vizepräsidenten Hermann Kant wurde soweit zermürbt, bis er im April 1977 den Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft stellte und mit seiner tschechischen Frau und seiner Tochter ausreisen konnte.

Fast 3500 Seiten umfasst Kunzes Stasi-Akte mit dem Decknamen „Lyrik“ – zynisches wie maßloses Zeugnis der Auseinandersetzung mit einem von Albert Camus geprägten Einzelgänger, dessen „Sensible Wege“ das erklärte Staatskollektiv DDR provozieren mussten. „Wie ein gitter / fällt der schatten der fensterstäbe aufs papier. / Es ist weiß. / Schuld genug“: Der Zyklus „die post“ aus „Sensible Wege“ (1969) beharrt auf der Subjektivität des Schreibenden, auf kreativer Vereinzelung, die in Opposition und schließlich Isolation führten. Gewidmet ist der Band dem tschechischen und slowakischen Volk, dessen Literatur der aus dem Erzgebirge stammende Kunze oft als geistiges Exil empfand. Am Tag des sowjetischen Einmarsches in Prag gab er sein Parteibuch zurück. Durch Nachdichtungen machte er sich um die Werke von Kollegen verdient, die in der CSSR verboten waren.

Seit Ende 1977 lebt die Familie Kunze in der Nähe von Passau, hoch über der Donau mit der Adresse „Am Sonnenhang“. Als er 1993 ein Tagebuch unter diesem Titel herausbrachte, führte das erneut zu Missverständnissen, gar zum Kitsch-Verdacht – dabei steht der niederbayerische Sonnenhang in ironischem Kontrast zum bewölkten Einband des Buches. Dennoch konnte damals Reiner Kunzes große und treue Lesergemeinde in Ost und West konstatieren, dass „ihr“ vielfach geehrter Autor die Poesie wieder über die Politik stellte, dass hier wieder der überraschende Metaphoriker und unermüdlich nach Schönheit Suchende am Werk war. Jüngste Zeugnisse von Kunzes Bemühen um ästhetische Intensität durch Schlichtheit sind der Fotoband „Der Kuss der Koi“ über die schillernden Bewohner seines Karpfenteiches und die gerade erschienenen Nachdichtungen „Wo wir zu Hause das Salz haben“ (beide S. Fischer), indem der meisterhafte Interpret vor allem tschechischer Lyrik in einem Werkstattbericht sein Verfahren transparent macht. Ein Gedicht Jan Skácels über den „laubigen Laubfrosch“ mündet in der Zeile „für alle die im herzen barfuß sind“, laut Reiner Kunze eine „Königszeile“. Nebenbei meint sie genau seine Leser, für die der seit heute Siebzigjährige weiter schreiben wird: Wissend, dass sensible Wege oft die dauerhaftesten sind.

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