Reiner Kunze zum 75. : Deckname Lyrik

Zum 75. Geburtstag von Reiner Kunze

Jörg Magenau

In seinem aktuellen Lyrikband „lindennacht“ übt Reiner Kunze den Abschied von der Welt. „Die welt entfernt sich“, heißt es da so lapidar wie programmatisch. Der Tau auf den Wiesen im Tal hat ihm jedenfalls mehr zu erzählen als die Zeitung auf dem Frühstückstisch. Für Kunze, der heute 75 Jahre alt wird, ist die erklärte Weltferne weniger eine Frage des Alters als Ausdruck eines skeptischen Konservativismus, der ihn in gehörige Distanz zu den Gesellschaften rückte, in denen er lebte. Bis 1977 war das die DDR, wo er als Bergarbeitersohn aus dem Erzgebirge zumindest die erwünschte proletarische Herkunft vorzuweisen hatte. Das Studium der Philosophie in Leipzig musste er aber aus politischen Gründen abbrechen. Als freier Autor hatte er stets mit der Zensur zu kämpfen. Er heiratete eine Tschechin, lebte länger in der CSSR, übersetzte tschechische Lyrik und sympathisierte 1968 mit dem Prager Frühling. Über seine Gedichte sprachen DDR-Ideologen das vernichtende Urteil, sie seien Ausdruck einer „subjektivistisch verengten Betrachtungsweise“.

Maßgeblichen Anteil an dieser Einschätzung hatte sein Buch „Die wunderbaren Jahre“, kurze, kritische Prosastücke über die Militarisierung von Schule und Erziehung. Aus dem DDR-Schriftstellerverband wurde er daraufhin ausgeschlossen, man zwang ihn, die DDR zu verlassen. Im Westen wurden „Die wunderbaren Jahre“ 1976 zum Bestseller, obwohl dieses Buch mit seiner dezidiert politischen Stoßrichtung eher untypisch für ihn ist. Das wiederholte sich noch einmal nach der Wende, als er unter dem Titel „Deckname Lyrik“ Auszüge aus seiner Stasi-Akte veröffentlichte und dabei seinen einstigen Freund und damaligen Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme als IM entlarvte.

Um dem Verschwinden – dem eigenen und dem der DDR-Geschichte – entgegenzuarbeiten, hat er nun mit seiner Frau Elisabeth eine Stiftung gegründet: Ihr Haus im bayrischen Obernzell soll nach ihrem Tod in ein Dokumentationszentrum umgewandelt werden. „Wir wollen, wenn die Stunde naht, mit ihr nicht hadern“, heißt es in „lindennacht“ in zärtlicher Wir-Form. Die „Variationen über das Thema Philemon und Baucis“ gehören zu den schönsten, intimsten Versen Kunzes. „Wir sind begünstigte“, schreibt er da. „Wir dürfen noch zu ende leben unter bäumen.“ Jörg Magenau

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