Reinhold Beckmann in der Bar jeder Vernunft : Wenn Nervensägen singen

Rampensau bleibt Rampsensau. Dem Fernseh-Talkmaster Reinhold Beckmann gelingt es auch als Musiker sein Publikum zu packen: mit einer Mischung aus Jazz, Bossa, Polka und Rock.

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Frontmann. Reinhard Beckmann präsentiert selbst gedichtetes Liedgut aus der Wohlfühlzone.
Frontmann. Reinhard Beckmann präsentiert selbst gedichtetes Liedgut aus der Wohlfühlzone.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Am Ende hat er sie. Da steht die anfänglich lauernde Meute, die gekommen ist, um den Fernsehfuzzi scheitern zu sehen, applaudierend im Spiegelzelt. Stehend jubeln gesetzte Herrschaften in der Bar jeder Vernunft Reinhold Beckmann zu. Keinem Popstar, sondern einer als arrogant und unvermeidlich geltenden Nervensäge des deutschen Fernsehens. Beckmann, der Betroffenheitsplauderer, Polittalker und Sportmoderator überzeugt als Sänger. Wie konnte das geschehen?

Ganz einfach: Rampensau bleibt Rampensau. Beckmann ist Profi. Er weiß, wie man Publikumsansprache und Aufforderung zum Mitklatschen dosiert. Es ist derselbe Exhibitionismus, der ihn für den großen Medienzirkus wie für die kleine Livebühne tauglich macht. „Kinners, ist das voll hier“, freut sich der bekennende Hamburger zu Beginn seines plattdeutsch eingefärbten Auftritts und steigt mit flauen Gags über Buschkowsky, Bushido, BER und Elbphilharmonie in den Abend ein. Witzig kann Beckmann nicht. Aber singen! Und „Berlin“ als Sammelanrede für alle und jeden verwenden. „Bist du bereit, Berlin?“, „Berlin, ab jetzt ist sitzen für den Arsch!“ tönt es die ganze Zeit – Beckmann im Rockstar-Rausch.

Sein Gitarrensolo zur eleganten Latin-Nummer „Gina Gekko“ ist ordentlich. Und Reinhold Beckmann hat eine schöne warme Tenorstimme, die das zweistündige Liederprogramm mit dem angestrengten Titel „... verrenkter Geist, verrenkte Glieder“ spielend trägt. Auf der nach unten offenen Skala aller das Singen nicht lassen könnenden Schauspieler und Selbstdarsteller des Landes schließt er damit in die Spitzengruppe auf.

Schlau, dass er die eigentliche Virtuosenarbeit an der Gitarre Andreas Dopp überlässt, mit dem er auch die zwanzig Songs des Abends geschrieben hat. Beckmanns feine, mit Kontrabass, Schlagzeug und dem großartigen Jan-Peter Klöpfel an Klavier, Trompete und Flügelhorn besetzte Band spielt einen mal eleganten, mal gefälligen Sound: bisschen Jazz, bisschen Bossa, bisschen Polka, bisschen Rock. Der drahtige Jeansträger am Mikro greift außer der Gitarre gerne zum Schellenring, verzichtet aber sonst auf choreografische Mätzchen. Anfangs peinigt es, wie Beckmann intime Bekenntnisse aus seiner norddeutschen Provinzjugend der Siebziger besingt, später glaubt man der einen oder anderen schönen Liebesballade. Ein interessanter Effekt: Sonst sind wohlwollende Zuhörer schnell bereit, jedem dahergelaufenen Songwriter ein paar Gefühle und Lebensweisheiten abzukaufen. Der Allerweltslyrik eines manipulative Posen beherrschenden Medienmannes aber misstrauen sie spürbar.

Anfänglich, wie gesagt. Dann ackert sich Beckmann mit seinen Polit- und Regionalspäßchen und den thematisch zwischen Maffay, Jürgens und Mey siedelnden Liedern in die Wohlfühlzone vor. „Beckmann? Der geht ja gar nicht!“, lautet die letzte Textzeile seiner selbstironischen Nummer „Wie geil“. Das stimmt nach diesem Abend nicht. Beckmann singen hören geht durchaus. Unbedingt hinmüssen muss man nicht.

Wieder am 24. April, 20 Uhr.

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