Kultur : Reinhold Brinkmann im Gespräch: Warum muss man über Musik reden?

Warum muss man über Musik reden[Herr Brinkma]

Reinhold Brinkmann wurde in Norddeutschland geboren, promovierte über Schönberg und habilitierte sich an der Freien Universität Berlin. Er arbeitete u.a. über Beethoven, Schumann, Eisler und Varèse. Von 1980 bis 1985 bekleidete er Philipp Spittas Lehrstuhl an der Hochschule der Künste Berlin, seit 1985 ist er Professor of Music an der Harvard University, USA. Morgen erhält Brinkmann in München den Siemens-Musikpreis 2001.

Warum muss man über Musik reden, Herr Brinkmann?

Ach ja.

Das war ein tiefer Seufzer, Herr Brinkmann.

Nehmen Sie das bitte nicht persönlich, aber dieser ganze Medienrummel um meine Person ist mir nicht angenehm.

Aber aus Amerika müssten Sie da doch einiges gewohnt sein ... .

Ja, aber wo das so richtig zum Tragen kommt, im Bereich des fund raising etwa, da bin ich nicht gut. Ich habe einmal einen ganzen Abend lang neben dem reichsten Mann von Massachusetts gesessen und wusste genau, er wartet nur darauf, dass ich mit ihm über Geld rede - und habe es nicht geschafft. In Amerika werden viele Universitäten ausschließlich privat finanziert, man hat sich als Lehrstuhlinhaber um den Fluss der Gelder also sehr wohl zu kümmern.

Sie sind eben ein deutscher Wissenschaftler.

Legen Sie die Betonung jetzt auf das Deutsche oder auf den Wissenschaftler? Von meiner ganzen Erziehung her stecke ich sicher stark im deutschen Repertoire. Das heißt nicht, dass ich nicht auch über französische Musik gearbeitet hätte oder mich in Harvard nicht sehr um amerikanische Komponisten der Gegenwart kümmere. Aber sich all diesen Dingen mit einer Leichtigkeit, einem Lächeln widmen und selbst in die heikelste Analyse noch ein Bonmot einflechten - das fällt mir bis heute schwer. Auch nach 16 Jahren USA. Und das ist dann wohl das Deutsche.

Sie sind - nach dem Haydn- und Mozart-Forscher Robins Landon - der zweite Musikwissenschaftler, der den Siemens-Musikpreis erhält. Man würdigt Sie für Ihre Verdienste um die Musik des 20. Jahrhunderts.

Ich bekomme diesen Preis als Vertreter einer Zunft. Also habe ich der Öffentlichkeit ein Bild zu geben von meinem Fach, von meinem Tun. Im Allgemeinen werden Musikwissenschaftler ja nicht mit Musik identifiziert. Das hat mich schon immer gestört. Der Komponist Wolfgang Rihm, mit dem ich unlängst sprach, fing auch so an. Wir wissen, sagte er, was Musiker tun: Sie spielen Geige oder Klarinette oder sonst ein Instrument. Und wir wissen, was Komponisten tun: Sie schreiben Musik. Aber was machen Musikwissenschaftler? Am liebsten wäre ich an das nächste Klavier gesprungen und hätte Rihm etwas vorgespielt.

Der Theoretiker als Praktiker?

Für mein Selbstverständnis ist es unerlässlich, dass ich von der körperhaften Berührung mit Musik her komme. Wenn ich arbeite, dann vergehen keine zwei Stunden - und ich sitze am Klavier. Bei soziologischen Fragestellungen mag das wenig nützen ... .

...aber es behindert auch nicht ...

Im Gegenteil: Die Musik macht den Kopf frei. Die andere Verpflichtung, die sich mir aufdrängt, hat mit der schlechten Presse der Musikwissenschaft zu tun. Die Mauern der akademischen Elfenbeintürme sind inzwischen so hoch, dass oft nicht einmal mehr mit den geisteswissenschaftlichen Nachbardisziplinen ein Dialog möglich ist. Das Fach hat sich in ein beklagenswertes Abseits hinein manövriert. Das müssen wir dringend ändern. Wir müssen unseren Studenten eine Sprache beibringen, die verständlich ist. Nicht gespickt mit den letzten Details einer set theory oder einer harmonischen Analyse, sondern verständlich - auf einer soliden hermeneutischen Basis.

Ist das Sprechen über Musik international ein Problem?

Die deutsche Musikwissenschaft hat es hier sicher besonders schwer, denn sie befindet sich in keiner führenden Position mehr. Das ist mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen. Natürlich hat es auch danach noch große Persönlichkeiten gegeben, da muss man nur an Carl Dahlhaus denken. Aber der letzte wichtige Paradigmenwechsel, der kam aus Amerika, nicht aus Deutschland.

Lässt sich diese Entwicklung bis zur Emigration zurückverfolgen, bis zur "Flucht der Gehirne" vor und nach 1945?

Auch wenn die Amerikaner damit bis heute ihre Probleme haben, weil das eine eigene Entfaltung verhindert hat: Ja. Ich verweise immer gern auf die Namenstafeln in der Chicago Symphony Hall: In der Mitte Beethoven, links Haydn und Mozart, rechts Schubert und - als einziger Nicht-Deutscher - Chopin. In Harvard haben wir einen kleinen Konzertsaal aus dem Jahr 1914, da gibt es einen Komponisten-Fries. In der Mitte dieselben fünf Namen, noch ergänzt durch Bach und Wagner. Kein einziger Amerikaner - ist das nicht unglaublich? Das Phänomen der deutschen Durchwirkung hat es freilich schon im 19. Jahrhundert gegeben, das hat sich durch das Nazi-Regime nur verstärkt. Führende Musikwissenschaftler wanderten aus, ihre Stellen wurden mit Leuten besetzt, die eigentlich nicht auf diese Stellen gehörten. Davon hat sich das Fach nie erholt.

Ist die extreme Entpolitisierung der Musikwissenschaft in den 50er und 60er Jahren nicht auch darauf zurückzuführen? Man scheute die Auseinandersetzung mit den ideologischen Altlasten.

Ich würde diese Entpolitisierung nicht uneingeschränkt negativ beurteilen. Die Zentrierung auf die Analyse, Fortschritte in der Quellenforschung, besonders bei Bach - es gab auch nach 1945 noch Impulse, die wesentlich von Deutschland ausgingen. Aber das alles hat den Horizont nicht erweitert. Die Wirkung Adornos ist in die Sozialgeschichte der Musik nie wirklich eingeflossen. Dabei: Schlagen Sie einmal Spittas Bach-Biografie auf! Er spricht zuallererst von der Stadt zur Bach-Zeit, dem Ort der Musik im Stadtgefüge - und dann erst über Bach. Das, was in Amerika "new musicology" genannt wird, der Blick auf den Kontext, auf die Bedingungen, das hatte in Deutschland eine Tradition - und ist bis heute nicht wieder hier angekommen.

Pamela Potters Buch über die Musikwissenschaft im Dritten Reich - "Die deutscheste der Künste", erschienen bei Klett-Cotta - hat da einigen frischen Staub aufgewirbelt.

Die deutsche Musikwissenschaft zur Nazizeit hatte sich selbst gleichgeschaltet. Und auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs blieben ihre führenden Vertreter im Amt: Friedrich Blume etwa trieb die Rasseforschung in der Musik voran - und wurde nach 1945 Präsident der Gesellschaft für Musikforschung. Blume war entnazifiziert, offiziell hatte er eine weiße Weste - wie viele andere auch. Heinrich Besseler zum Beispiel, sicher der begabteste Musikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, der schon in den 20er Jahren durch einschlägige Äußerungen auffiel und sich schließlich darin verstieg, die deutsche Musikgeschichte im Erscheinen Adolf Hitlers gipfeln zu lassen. All diese Veröffentlichungen aus der Nazi-Zeit wurden in sämtlichen Lexika getilgt. Außerdem sind diese Herren allesamt sehr schnell wieder international tätig geworden. Blume wurde auch durch die Amerikaner rehabilitiert, das muss man sagen.

Warum drängen diese Erkenntnisse so spät ins Bewusstsein der Öffentlichkeit? Weil die Musikwissenschaft schon immer marginal war? Weil Musik letztlich "nichts Böses" ist?

Das ist ganz klar eine Schuld, ein Versäumnis meiner Generation. Wir haben weder vor 40 noch vor 30 noch vor 20 Jahren daran gedacht, diese Zeit aufzuarbeiten. Wir haben es unseren Schülern überlassen, das zu tun. Pamela Potter ist bei mir im Seminar gesessen - aber sie hat das Buch geschrieben, nicht ich. Mein eigenes Buch über die Nazi-Zeit schreibe ich erst jetzt.

Warum eigentlich?

So genau weiß ich das gar nicht. Man ist auch ausgewichen. Die Leute lebten noch, man wollte ihnen nicht wehtun. 1974 sollte es hier in Berlin im Rahmen eines Kongresses eine Sektion geben über die deutsche Musikwissenschaft im Nationalsozialismus. Das wäre noch ein akzeptabler Zeitpunkt gewesen. Zwar später als die Kunstgeschichte, später als die Germanistik - aber immerhin. Die Schüler der Betroffenen erhoben Einspruch, das Ganze wurde abgesetzt - und wir haben nicht protestiert. Das war falsch. Und es war auch typisch. Fachlich zog man sich lieber ins Mittelalter zurück.

Sie auch?

Ich habe meine Laufbahn mit relativ hermetischen Veröffentlichungen begonnen und bin erst jetzt, im vorgerückten Alter, so weit, dass ich für ein breiteres Publikum schreiben möchte. Und das ist gar nicht so leicht. Von unserem Adornitischen Erbe her sind wir es gewöhnt, alles durch die Kompositionstechnik hindurch zu begründen. Für Laien ist das tödlich. Das versteht niemand. Ich glaube, man muss eine Art Meta-Sprache finden, Bilder, die zum Leser sprechen. Daran zu arbeiten, das kann ich mir heute leisten. Wissen Sie, ich muss mich ja nirgends mehr bewerben.

Was machen Sie, wenn ich fragen darf, mit dem Preisgeld, immerhin 250 000 Mark?

Ach, als amerikanischer Steuerbürger zahle ich davon zunächst rund 40% an den Fiskus. Und vom Rest schreibe ich in aller Ruhe ein paar lesenswerte Bücher.

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