Reinhold Vetter : Der Mann mit dem Kuli

30 Jahre Solidarnosc: Ohne Lech Walesa wäre es nicht zum Mauerfall gekommen, schreibt Reinhold Vetter.

Julian Wyszynski-Trzywdar
Mit dem Papst in der Hand. Lech Walesa unterschreibt am 31. August 1980 mit einem Riesenkuli, auf dem Johannes Paul II. abgebildet ist, die Anerkennung der Solidarnosc zur Gewerkschaft. Zu seiner Rechten KP-Funktionär Mieczyslaw Jagielski.Foto: Eyedea Presse/laif
Mit dem Papst in der Hand. Lech Walesa unterschreibt am 31. August 1980 mit einem Riesenkuli, auf dem Johannes Paul II. abgebildet...Foto: /laif

Wenn am 3. September Polens neu gewählter Staatspräsident Bronislaw Komorowski zu seinem ersten offiziellen Besuch nach Berlin reisen wird, dann steht auch eine Begegnung mit dem Mauerstück von der Danziger Werft, das im Sommer 2009 am Reichstagsgebäude aufgestellt wurde, mit auf dem Programm. Anwesend sein wird damit automatisch auch der ehemalige Arbeiterführer mit dem nicht ganz leicht auszusprechenden Namen Walesa, der vor genau dreißig Jahren in der Welt berühmt wurde, weil er als Ikone der Kämpfer für eine freie Gewerkschaft in einem kommunistischen Land sensationellen Erfolg hatte.

Es war der 31. August 1980, als der Elektriker der Lenin-Werft Lech Walesa auf der einen und Vizepremier Mieczyslaw Jagielski auf der anderen Seite die Vereinbarung unterschrieben, in der sich die Regierung verpflichtete, eine solche Gewerkschaft auch unter dem Namen Solidarnosc zuzulassen. Walesa leistete die Unterschrift mit einem übergroßen Kugelschreiber, auf dem das Abbild des aus Polen stammenden Papstes Johannes Paul II. zu sehen war. Dieses Bild ging um die Welt und Lech Walesa war damit der Held des Jahres 1980. Kein Wunder, dass ihm noch eine besondere Zukunft bevorstehen sollte.

Dreißig Jahre sind historisch gesehen gerade mal ein Augenblick. Doch angesichts der maßgeblichen Veränderungen, die sich besonders in Mitteleuropa in diesem Zeitraum ergeben haben, sind sie doch beträchtlich. In Deutschland, Ost wie West, haben die Ereignisse um die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarität damals sehr viel Aufmerksamkeit und Interesse hervorgerufen. Man staunte zunächst über den Umfang der Streiks polnischer Arbeiter in den Werften und Kohlegruben, bewunderte die Art ihrer Vorgehensweise und fragte sich doch, wie lange das gut gehen könnte. Denn bekanntlich waren dem Freiheitsdrang der Menschen im Bereich des real existierenden Sozialismus doch ganz bestimmte Grenzen gesetzt. Und in der Tat, schon gut ein Jahr später, im Dezember 1981, war der Traum von mehr Freiheit und gewerkschaftlicher Liberalisierung erst einmal ausgeträumt. In Polen wurde das sogenannte Kriegsrecht ausgerufen und Helden wie Walesa wurden für viele Monate interniert. Nach der Freilassung erhielt er 1983 den Friedensnobelpreis, so dass es ihm leicht war, in den Jahren danach mit seinen Kollegen eine Neuauflage der freien Gewerkschaftsbewegung in Polen vorzubereiten, die nach 1986 auch gelang und weitere Streiks möglich machte.

Dass Walesa später, im Dezember 1990 in freier Wahl sogar zum Präsidenten Polens bestimmt wurde, war die nächste Sensation, auch wenn diese ohne die vorangegangenen Veränderungen in Moskau, Budapest und Berlin wohl so nicht zustande gekommen wäre. Doch die Streiks und Veränderungen in Polen, die seit 1970 immer wiederkehrten, haben für den Niedergang des Kommunismus in Osteuropa eine entscheidende Rolle gespielt. Daher bietet die Betrachtung von Einzelheiten im Leben des Lech Walesa auch heute eine aufschlussreiche Lektüre für all diejenigen, die an der jüngeren Zeitgeschichte Interesse haben. In seinem Heimatland ist das Leben Walesa in den vergangenen Jahren sehr einseitig untersucht und beurteilt worden. Einseitig auf seine möglichen Verbindungen zu den Sicherheitsorganen hin. Er selbst hat zugegeben, angesichts seiner mehrfachen Verhaftung zur Freilassung auch Bekenntnisse unterschrieben zu haben, die nicht unbedingt den Tatsachen entsprachen. Mehrfach bestritten hat er hingegen, als Spitzel für die polnische Staatssicherheit (SB) tätig gewesen zu sein. Und die Dokumente, die in Polen in den letzten Jahren präsentiert wurden, um eine solche Tätigkeit zu beweisen, sind trotz ihres Umfangs alles andere als zweifelsfrei.

Gut, dass jetzt gerade eine Biografie eines deutschen Zeitgeschichtlers erschienen ist, der über rund drei Jahrzehnte als Korrespondent in Polen gearbeitet hat und Walesa in dieser Zeit direkt beobachten konnte. Unter dem Titel „Polens eigensinniger Held“ schildert der Autor, Reinhold Vetter, den Lebensweg Walesas von der Kindheit während des Hitlerfaschismus im Bromberger Gebiet, seinen Drang nach anderen Lebensverhältnissen in Danzig, die Erfahrungen während der Arbeiterproteste und das Leben im Arbeitermilieu. Auch die vermeintliche Rolle als Spitzel „Bolek“ spart der Autor keineswegs aus. An Hand von Dokumenten, Quellen und Nachforschungen angesehener Historiker aus Polen kann Vetter belegen, dass man schon in den frühen siebziger Jahren beabsichtigte, Walesa zu diskreditieren und später ein „öffentliches Gericht“ über ihn zu inszenieren. Zusätzlich zu diesem Material wurden im Frühjahr 1982 weitere „Dokumente“ fabriziert, die quasi Walesas „Agententätigkeit“ über das Jahr 1974 hinaus „verlängern“ sollten. Für diese Fälschertätigkeit gab es einen regelrechten Aktionsplan der beteiligten SB-Beamten, wie interne Unterlagen beweisen. Das auf diese Weise hergestellte Material hat man dann ganz gezielt verschiedenen Kampfgefährten von Walesa zugespielt. Und genau daraus schöpfen die politischen Gegner Walesas bis heute ihre Argumentation.

„Obwohl das Material“, schreibt Vetter, „auch dem norwegischen Nobel- Preis-Komitee zugespielt wurde, erhielt Walesa im Jahre 1983 diese hohe Auszeichnung. Und die Solidarität regenerierte sich nach und nach, wobei der später wieder freigelassene Walesa Untergrundtätigkeit und öffentliches Auftreten geschickt miteinander verband.“

Anschaulich ist zu lesen, welchen Weg Walesa beschreitet, vom Verlauf des Streiks über die Doppelherrschaft bis zum legendären „Runden Tisch“. Da ist vieles anders gekommen, als man erwartet hatte, da hat sich mancher verrechnet, ganz gleich auf welcher Seite. Auch die Brüder Kaczynski, die sich ihm erst anpassten und dann überlegen fühlten. Unter Walesas Präsidentschaft kamen sie rasch in hohe Ämter, verloren diese aber fast ebenso schnell wieder, als sie durch radikales, unduldsames Verhalten hervortraten. Die Präsidentschaft von Walesa war laut Vetter von Höhen und Tiefen geprägt. Er zeigt, wie der Arbeiterpräsident wiederholt sogar im Ausland, beispielsweise im Kontakt mit Helmut Kohl, durch seine unkonventionelle Art Erfolg verbuchen konnte. Hier spielt auch der Hinweis auf Walesas Fähigkeit zur List eine wichtige Rolle. Doch anders als seine politischen Opponenten handelt Walesa zielorientiert und nicht ideologisch.

Vetter nimmt, das spürt man deutlich, Walesa nicht grundsätzlich in Schutz, bezeichnet ihn sogar als egozentrischen Helden. Doch es vermittelt sich der Eindruck einer sehr an den Fakten orientierten Darstellung, die mit zahlreichen Einzelheiten aufwarten kann. Es ist das Porträt der jüngeren Geschichte Polens mit all ihren Verwerfungen und Möglichkeiten, das Porträt eines Mannes mit Ecken und Kanten, der sich trotz seiner Herkunft nicht gängeln lassen wollte, aber im Grunde bis heute zukunftsorientiert denkt und handelt.


Reinhold Vetter:

Polens eigensinniger Held. Wie Lech Walesa die Kommunisten überlistete. Berliner Wissenschafts- Verlag, Berlin 2010. 414 Seiten, 37 Euro.

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