Kultur : Reis und Spiele

Heute eröffnet im Berliner Martin-Gropius-Bau die große Japan-Ausstellung „Zeit der Morgenröte“

Nicola Kuhn

Bitte schön, was ist Paläolithikum? Ein pharmazeutisches Tonikum, ein Motorelement? In Deutschland gäbe es bei einer Straßenbefragung vermutlich wenige Treffer. In Japan aber gehört Steinzeitkunde zum Schulunterricht, im Fernsehen laufen wöchentlich archäologische Sendungen, in den Buchhandlungen liegen ganz vorne die Bestseller der Altertumsforschung, für die Jüngeren übersetzt in Comicform, als Mangas. Die richtige Antwort würde man dort also schnell erhalten: Denn im Paläolithikum, vor 45 000 Jahren, beginnt die Besiedlung Japans, Steinklingen und Knochenmesser lassen sich nachweisen, am Ende dieser Epoche sogar erste Keramiken.

Außerhalb der Landesgrenzen ist allerdings nur wenig bekannt, dass die Fortschrittsnation schlechthin seit Jahren einen Archäologie-Boom erlebt. Die Nachfrage verwundert nicht. Denn in Zeiten der Globalisierung, wo die eigene Geschichte zunehmend abhanden kommt, gewinnt die Rückbesinnung auf die Wurzeln existenzielle Bedeutung. Insbesondere in Japan, wo nach den Zerstörungen des Krieges und rasantem Wirtschaftswachstum verbunden mit einer rücksichtslosen Bauwut die Historie kaum noch sichtbar ist, besitzen die spektakulären Bodenfunde der Achtziger- und Neunzigerjahre eine Identität stiftende Funktion. Allerdings lässt sich nur in wenigen anderen Ländern die Vergangenheit so schnurgerade mit der Gegenwart verbinden: Reisanbau, Essensrituale, Fischfang, Lackobjekte, Keramiken haben sich über Jahrtausende überliefert.

Von den ersten Jägern und Sammlern bis zu den U-Bahn-Benutzern von heute ist es also nur ein Katzensprung. Mit dieser erstaunlichen Video-Botschaft entlässt die spektakuläre Japan-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau den Besucher. Für hiesige Betrachter geht diese Zeitreise ein wenig zu schnell. Teezeremonie, Tempelbauten, No-Theater sind hierzulande geläufig, nicht zuletzt nach den großen Ausstellungen und Gastspielen der letzten Jahre, mit denen sich Japan seinem europäischen Handselspartner bekannt gemacht hat. Die Spanne von der Frühzeit bis zu den ersten Kaisern im 8. Jahrhundert aber war in Deutschland bislang ein weißer Fleck. Publikationen, Kenner dieses Gebietes gibt es kaum. Die 1500 Objekte umfassende Schau „Zeit der Morgenröte“ will da Abhilfe leisten. Kein einfaches Unterfangen, denn Pfeilspitzen, Keramikscherben, Samenkapseln sind als Exponate nicht unbedingt erregend. Doch die japanische Archäologie versteht ihr Geschäft; die perfekt restaurierten Objekte vermögen tatsächlich Geschichte zu erzählen und sei es durch ihre Bedeutung für die Gegenwart.

Eine solch emblematische Bedeutung besitzt etwa jene brettförmigeTonstatuette, die an der San-nai-maru-yama-Fundstelle entdeckt wurde, als man dort eigentlich ein Baseball-Stadion errichten wollte. Ihr Mund ist expressiv aufgerissen, die Augen weit geöffnet, Brüste und Geschlecht sind durch kreisförmige Scheiben dargestellt. Die 7000 Jahre alte Fruchtbarkeitsgöttin gilt heute als Star; stolz ziert sie das Wappen der ansonsten wirtschaftlich angeschlagenen Präfektur Aomori, die sich hiermit zumindest ihrer Vergangenheit rückversichert. Ähnlich verhält es sich mit den fünf Flammenstil-Keramiken aus der Jomon-Hochzeit (12000 bis 500 v. Chr.), von denen bis heute nicht geklärt ist, ob es sich um aufwändiges Kochgerät oder rituelle Gefäße handelt. Der sich dramatisch in die Höhe züngelnde Schalenrand hat dieser außergewöhnlichen Keramik ihren Namen verliehen, die heute als Symbol der Präfektur Niigata dient. Fünf der insgesamt 87 überlieferten Objekte durften nach Deutschland reisen – nachdem die verbliebenen 82 vor drei Wochen durch ein Erdbeben zerstört wurden, sind die hier gezeigten Stücke nun umso wertvoller.

Bei so viel Gegenwartsbezug verwundert es kaum, dass eine solche Archäologie-Schau sogar politischen Sprengstoff besitzt. Nur peu-à-peu werden die Japaner mit der neuesten Forschung vertraut gemacht, wenn sich kaum noch ignorieren lässt, dass der Reisanbau nicht im eigenen Lande erfunden wurde, sondern ein Import aus China ist, oder die Vorfahren keineswegs eine homogene Gruppe bildeten, vielmehr sich mit Einwanderern der koreanischen Halbinsel mischten, wie sich am Beispiel zweier Schädel belegen lässt. Wenn die von den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, den Berliner Festspielen sowie dem Japanischen Kultusministerium organisierte Ausstellung als nächstes in Tokio zu sehen ist, wird also auch im Lande selbst mit so mancher Legende aufgeräumt. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass die frühen Reisbauern ein friedliches Völkchen waren. Vom Kontinent holte man sich mit Beginn der Yayoi-Zeit im 9. bis 8. Jahrhundert v. Chr. nicht nur das Know-how für die Bestellung nasser Felder, sondern guckte sich auch die gesellschaftliche Organisationsform ab, denn beim hochkomplizierten Reisanbau mussten alle anpacken.

Die nächsten Schritte sind vorhersehbar: Gruppen bilden sich heraus, Clans grenzen sich voneinander ab. Als Machtdemonstration werden Bronzeglocken an den Grenzen eines Anbaugebiets aufgehäuft. Von dort ist es nicht mehr weit zu Taten, um sich der Konkurrenz um Ackerland und Wasserquellen zu erwehren. Die Ausstellung zeigt die schönsten dieser immer aufwändiger gestalteten Glocken, die nicht mehr zum Läuten, sondern nur noch Demonstrationszwecken dienten. Am Ende klirren dann die Waffen; die japanische Inselgruppe wird von Kriegen erschüttert. Die nächste Epoche, die Kofun-Zeit - so genannt nach der Schlüsselform gigantisch großer Grabhügel – , gehört auch schon den Herrschern, zuletzt den Kaisern. Ihre Grabbeigaben sind heute die wichtigsten Quellen. Darunter befinden sich auch die tönernen Haniwas in Gestalt von Menschen, Tieren Häusern, mit denen die Zäune der Grabanlagen geschmückt wurden. Durch sie weiß man vom Aussehen der frühen Japaner, deren Kleidung, Haartracht, Schmuckvorlieben. Damals zum Beispiel trug man Ohrgehänge. Erst in den letzten zwanzig Jahren kehrte diese Mode als West-Import wieder zurück. Zur Erleichterung vergangenheitsverliebter Japaner wenigstens – historisch korrekt.

Martin-Gropius-Bau, bis 31. Januar; Katalog 27,50 €, mit Handbuch 45 €.

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