Kultur : Reisblüte und Blutrausch

Peter Fröberg Idling rekonstruiert eine Reise in Pol Pots Kambodscha.

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Zwei Frauen, zwei Männer. Politisch engagiert, weiß, der sogenannten Dritten Welt zugetan. Sie werden von den schemenhaften Führern eines abgeriegelten Lands eingeladen. Eines Landes, über das viele Geschichten jenseits der Vorstellungskraft im Umlauf sind. Doch die Engagierten wissen, wer moralisch auf der richtigen Seite steht. Und haben den Verdacht, dass die Schreckensmeldungen von der falschen Seite kolportiert werden, um dem Land zu schaden.

Vier Schweden in Kambodscha, August 1978. Sie sahen ein strebsames Völkchen im Reisfeld des Herrn Pol Pot, doch nichts von der brutalen, vielleicht einzigen Revolution, die diesen Namen verdient. Geld, Post, Telekommunikation waren abgeschafft, Städte und Bildungssystem waren abgeschafft, und auch die Familie – alles innerhalb weniger Wochen. Auf vieles stand, je nach Strenge der lokalen Kader, die Todesstrafe: Flirten ohne Erlaubnis, eine Schale Reis abzweigen (der Organisation stehlen). Ein Fünftel, Viertel oder gar ein Drittel der Bevölkerung kam in gut dreieinhalb Jahren Terrorregime um. Die Schweden sahen nichts. Schließlich jagte die vietnamesische Armee die Roten Khmer in den Dschungel und vereitelte den ersten Nationalsuizid der Geschichte.

Fast 30 Jahre später hat Peter Fröberg Idling die Reise seiner Landsleute rekonstruiert. Ist die Stationen abgefahren, hat mit Leuten gesprochen. Weltweit. Um die Frage zu beantworten: Was konnten sie sehen, was wollten sie sehen, was hätte ich, Idling, gesehen? Das Ganze ist eine Collage aus Fragen, Fakten, Reflexionen, O-Tönen, und, so abwegig es klingen mag, aus Anekdoten. Ein ehemaliger Schulkamerad Pol Pots erinnert sich dessen sensationellen Fallrückzieher-Tors zu Schulzeiten, damals hieß Bruder Nummer eins noch Saloth Sar.

Vordenker der reisenden Schweden war der Journalist und Schriftsteller Jan Myrdal, Sohn des Nobelpreisträgerehepaars Gunnar und Alva Myrdal. Ihm gelang es damals, das einzige Fernsehinterview mit Pol Pot in den Jahren des Terrors (von möglichen Funden in chinesischen Archiven abgesehen) zu führen. In dem von Idling nicht zitierten Interview fragt Myrdal den Henker Kambodschas („Eure Exzellenz“) nach den wichtigsten Fortschritten seit der Machtergreifung.

Pol Pot lügt gar nicht erst, erzählt nichts von Gerechtigkeit und Sieg über den Hunger, nein. Das Wichtigste sei, dass man alle Einmischungs- und Putschversuche der Staatsfeinde „zerschmettert“ habe. Später erwähnt der Schwede die Vorwürfe des Völkermords. Nun, sagt Pol Pot, die Feinde der Revolution werden zu allen Zeiten versuchen, sich dieser mit aller Kraft zu widersetzen. Diese beiden Antworten Pol Pots sind die einzigen Passagen des Interviews, die nicht über den Sender gehen. Im Originalmanuskript sind sie enthalten.

Auch andere westliche Intellektuelle, etwa Per Olov Enquist oder Noam Chomsky, wollten sich ihren Traum von der Morgenröte nicht zerstören lassen, vom Dritten Weg jenseits des „US-Imperialismus“ und der Sozialismusbürokratie sowjetischer Provenienz. Kambodscha galt vielen als Hoffnung. Dort nahmen die Leute ihr Schicksal selbst in die Hand, nachdem die Nixon-Kissinger-Administration das neutrale Land zerbombt hatte. Auch in Deutschland waren viele „solidarisch“, zumeist kommunistische Splittergruppen, doch selbst manch seriöser Wissenschaftler misstraute den Horrormeldungen. So erwog etwa der Asienexperte Oskar Weggel 1977 mehrere Argumente für die Evakuierung der Städte (also die Deportation der gesamten Stadtbevölkerung in den Dschungel) und nannte den Zwangsexodus „durchaus rational begründbar“. Des Weiteren handle es sich bei Pol Pots System um eine „zumindest angestrebte Massen-Selbsterziehung“.

Später sind (fast) alle klüger. Jan Myrdal allerdings ist bis heute bockig. Er wollte Fröberg Idling nichts von Belang sagen. Wie funktioniert eine solche Täuschung? Es waren lokale Kader, die den Reisenden die Kulissen stellten – aus Angst. Bei der kleinsten Irritation wären sie im zehnten Kreis der Hölle gelandet, in Sontebal 21, dem Folter- und Hinrichtungsknast der Roten Khmer. Es waren die Schweden, die ihren Traum weiterleben wollten. Ein Wunder, dass einem dieser Text derart nah geht. Es liegt nicht an diesem Ausbund an Bestialität namens „Demokratisches Kampuchea“.

Es liegt an Idlings Mischung aus Reporterneugier, Recherchefuror, Sprachgefühl und Sinn für Dramaturgie. Eine Propädeutik der Urteilskraft, literarisch brilliant. Ein großer Wurf.

Peter Fröberg

Idling:
Pol Pots

Lächeln. Aus dem Schwedischen von

Andrea Fredriksson Zederbauer.

Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a. M. 2013. 352 S., 22,95 €.

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