Kultur : Reise ans Ende der Weisheit

Der Regisseur Ong Keng Sen aus Singapur ist Kurator des „In Transit“-Festivals – und ein Sphärenwanderer

Franz Anton Cramer

Vielleicht wäre das alles nicht geschehen, wenn die Welt ein wenig gerechter wäre. Doch Ong Keng Sen konnte nicht anders, als mit der Gerechtigkeit zu hadern, als er im Rahmen seines juristischen Referendariats in seiner Heimat Singapur an einem zivilrechtlichen Fall mitarbeitete. Ein Arzt war wegen Kunstfehlers auf Schadenersatz und Ausschluss aus der Ärztekammer verklagt worden. Mit viel Geld und exzellenten Anwälten konnte das Urteil in eine zweijährige Sperre umgewandelt werden. „Mir wurde klar: Gerechtigkeit ist käuflich“, erzählt Ong Keng Sen, „da war ich von der Rechtsprechung enttäuscht.“ So wandte sich der passionierte Tänzer dem Theater zu, hatte er doch schon während des Grundstudiums die meiste Zeit in einer studentischen Theatergruppe verbracht. 1988 wurde Keng Sen ihr Leiter und ist es bis heute geblieben: Theatre Works Singapore Ltd. heißt das Ensemble, dessen Infrastruktur mittlerweile bis nach Berlin reicht. Vergangenes Jahr war er Gründungskurator des Festivals „In Transit“ am Haus der Kulturen der Welt (HKW), an dessen zweiter Ausgabe er nun erneut mitwirkt.

Dazu probt der Regisseur ein neues Stück. Es heißt „Global Soul - The Buddha Project“ und vereint Darsteller aus fünf Kulturen: China, Korea, Thailand, Senegal und Schweden. Der arglose Beobachter mag dabei an religiöse Belehrungsdramatik und esoterische Erbauungskunst denken. Doch weit gefehlt. Ong Keng Sen ist spätestens seit seinem 1999 beim Berliner Theater- der-Welt-Festival präsentierten panasiatischen „Lear“ als Apostel eines neuen, grenz- und kulturüberschreitenden Theaterkonzepts bekannt. „Am Anfang meiner Arbeit stand das Interesse an der multiethnischen Gemeinschaft in Singapur, wo sehr viel Wissen aus den einzelnen Herkunftskulturen bei unseren Großeltern und Vorfahren liegt. Wir haben sie befragt und mit diesem Material dokumentarische Stücke entwickelt.“

Auf Massengräbern tanzt man nicht

Das Interesse am Einzelfall ist seitdem geblieben. „Es geht mir nicht um ,Kulturaustausch’, denn das beschränkt sich oft nur auf ein bloßes Vorzeigen von Dingen, die man nicht verstehen kann. Mich interessiert vielmehr, bestehende kulturelle Unterschiede zur Grundlage der Produktion von Kunst zu machen“, sagt Keng Sen und fährt fort: „Wie begegnen sich die Darsteller, wie begegnen sich die Traditionen, und was für Schnittmengen bilden sie?“ Natürlich komme dabei auch ein politisches Moment zum Tragen, denn jede Kultur beinhalte auch bestimmte Einschränkungen und Repressionen. „Dennoch glaube ich nicht, dass ein Darsteller wirklich immer eine ganze Kultur repräsentiert. Meine Erfahrung ist vielmehr, dass die einzelnen Künstler, ob sie nun aus der Pekingoper, dem Kabuki oder der westlichen Performanceszene stammen, immer zuerst ihre Persönlichkeit einbringen.“

Neben der Verbindung, oder besser: Vernetzung von Kulturkreisen hat sich Keng Sen in den letzten Jahren mit so genannten „Doku-Performances“ auch ganz konkret dem traumatischen Erbe der Geschichte gestellt. 2001 entstand die Produktion „The Continuum – Beyond the Killing Fields“ über die unter dem Pol Pot-Regime versuchte Ausrottung der gesamten Geistes- und Kultur-Elite Kambodschas am Beispiel einer überlebenden klassischen Hoftänzerin. Im Arbeitslager hatte sie ihr traditionelles Wissen vor den Wächtern verbergen können. Erst nach dem Ende des Regimes dufte sie die Kunst wieder praktizieren und ist jetzt eine der wenigen, in denen das Wissen um die tradierten Bewegungsrituale der einstigen Hochkultur weiterlebt. Mit „Offenes Geheimnis“ folgte diesen April in Wien ein Projekt, in dem sich Keng Sen mit dem Zerfall Jugoslawiens und mit den Verbrechen befasst, für die jetzt Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zur Rechenschaft gezogen wird. Doch Ong Keng Sen hadert wieder: „Gibt es überhaupt globale Gerechtigkeit? Wofür und vor wem muss sich Milosevic jetzt wirklich verantworten? Und was geht in seinem Kopf vor? Wie denkt er über Recht und Gerechtigkeit?“

Der Weg zur inneren Freiheit

Bei solchen Recherchen steht weniger die horrende Gewalterfahrung im Vordergrund, sondern die einzelne Person, an der sich historische Entwicklungen konkretisieren. Dass gleich mehrere Produktionen beim „In Transit“-Festival sich desselben Themas annehmen, zeigt deutlich, wie sehr sich das Interesse auf persönliche Schicksale und Lebenswege verlagert, statt dozierendem Multikulturalismus zu huldigen. „Mir wird immer klarer, dass es der Moment der Begegnung ist, den man dem Publikum vermitteln muss, weniger das fertige Resultat. Gerade in Zeiten, wo Kultur an sich hinterfragt wird, ist es wichtig, Momente der Kommunikation in den Vordergrund zu rücken.“

Mit dem „Buddha-Projekt“ schließt sich jetzt für Keng Sen ein Kreis, oder zumindest eine Phase seines Lebens. „Ich habe fünf Jahre sehr hart und sehr viel gearbeitet. Aber in fünf Jahren verändert sich die Kunst- und Kulturszene auch grundlegend. Zwar hat mir das ,Buddha-Projekt’ alle Möglichkeiten meines Ansatzes gezeigt, aber auch seine Grenzen offenbart. Als ich es entwickelte, wurde ich immer wieder gefragt, ob ich denn religiös sei. Dabei geht es mir überhaupt nicht um den religiösen Aspekt, sondern eher um Bewegung, um die Überschreitung von Grenzen und das Erlangen von Freiheit. Buddhas Person, sein Leben sind für mich vor allem ein Gleichnis für das Abschmelzen von Grenzen, so lange, bis man wirklich frei und ungebunden ist.“

Das Motiv der Reise ist es denn auch, das dem Buddha-Projekt zugrunde liegt. "Es ist aber auch eine zentrale Frage im Zusammenhang mit der Begegnung unterschiedlicher Kulturen und dem, was man daraus lernen will", ergänzt Keng Sen. "Dabei muss kein Mensch wirklich reisen, um Erkenntnisse zu erlangen. Immanuel Kant hat Königsberg auch nie verlassen und trotzdem enorm weite Strecken zurückgelegt."

„Global Soul - The Buddha Project“ am 30., 31. Mai, 1. Juni, im Haus der Kulturen der Welt, jeweils 21 Uhr 30.

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