Kultur : Reise in die Trauer

KLASSIK

Carsten Niemann

Wer kannte Trauer besser als das 17. Jahrhundert? Krieg und Pest wüteten in Europa während der Widerstreit zwischen aufkeimendem Vernunftglauben der Neuzeit und Religiosität des Mittelalters die Menschen zerriss. Faszinierende Blicke in die Gefühlswelt dieser Epoche wagte das Freiburger Barock Consort mit seinem Programm „Baletti lamentabili“ im Kammermusiksaal der Philharmonie. Ein riskantes Unterfangen: mit dem Alte-Musik-Groove, mit dem Spezialensembles derzeit leichte Siege erfechten, ist diesen Emotionen nicht beizukommen.

Allein Antonio Bertalis Klagegesang über den hingerichteten König Karl I. ist ein einziger Balanceakt: Denn die trauernde Königin in diesem wirkungsvoll nach Monteverdis Vorbild komponierten Lamento ist einerseits eine öffentliche Person, die sich, Jupiter anrufend, auch noch zur mythologischen Figur stilisiert. Andererseits ist ihre Majestät von weinenden Kammermädchen umgeben, wodurch die Szene fast bürgerlich-private Rührung verbreitet. Vielleicht gewährte die Solistin Ruth Sandhoff der Betroffenheit noch etwas zu sehr den Vorzug vor dem Ton der öffentlichen Rede. Doch der Eindruck perfekter Stimmigkeit dominierte: von den feinsten Schattierungen der Trauer, die das Consort in Johann Heinrich Schmelzers viel zu unbekannte instrumentale Lamenti legte, bis hin zu Matthias Weckmanns „Wie liegt die Stadt so wüst“. Wo Sandhoff ihr eigenes Weinen im Echo reflektierte, während Bassbariton Harry van der Kamp von fern auf ihre Schmerzen wies, da öffnete sich jäh das Tor zwischen historischem und modernem Bewusstsein.

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