Reiseerzählung : Trommeln gegen die Schwermut

Nein, vom afrikanischen Fußball ist hier nicht die Rede. Doch Klaus Voswinckels „Die Nacht der Trommeln“ entwickelt gerade vor dem deutschen Ghana-Spiel einen schönen Sog. Wundersame Ghana-Notizen über einen Lebenskünstler im Urwald.

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Ghanabe alias Guy Warren.
Ghanabe alias Guy Warren.Foto: Verlag

Mit der Reiseerzählung „Die Nacht der Trommeln“ kann sich der Leser einem Kontinent annähern, dessen mediales Bild außer zu Zeiten der WM vor allem durch Berichte über postkoloniale Gräuel, Korruption, Seuchen und Hunger geprägt ist.

Der in München und Italien lebende Schriftsteller und Filmemacher Voswinckel will mit seinen „Ghana-Notizen“, so der Untertitel, kein folkloristisches Gegenbild entwerfen; es geht ihm um die kulturelle Präsenz jenes Afrikas, das in seinen Mythen, Riten und Lebenskünsten mit Europa, Asien und Amerika auf oftmals überraschende Weise verbunden ist. Die Ferne und das Fremde führen den Hellhörigen, Offenäugigen immer wieder auch zur gesteigerten Selbsterfahrung, denn Voswinckel zeigt, wie nah sich Unvertrautes und Urvertrautes sein können.

Im Zentrum steht einer, der scheinbar in der Peripherie lebt. Er ist ein Trommlerkönig mit dem Künstlernamen Ghanaba, „Sohn von Ghana“. Dieser 80-Jährige ist der letzte „Divine Drummer“ des Landes, und sein Haus liegt weit abseits der Hauptstadt Accra: eine „Ermitage im Urwald“, ohne Strom und Telefon. Nur Briefe oder Kuriere erreichen den göttlichen Trommelmeister in seiner Einsiedelei. Dessen Kunst besteht darin, mit hakenförmigen Holzstäben „die Gesetze der Schwerkraft und der Schwermut außer Kraft“ zu setzen. Das Holz seiner Instrumente stammt dabei von vielhundertjährigen Bäumen, von denen jeder erst nach einem Tieropfer und nach der Besänftigung des „Baumgeists“ durch eine Flasche echten Genever gefällt werden darf.

Das mag kurios klingen, doch in seinen einfühlsam genauen Beobachtungen zeigt Klaus Voswinckel, frei von Esoterik und Exotik, den witzig weisen Umgang von Künstlern und Holzfällern mit der Natur. Zudem wirkt Ghanaba alles andere als naiv. Er hat in Amerika einst unter dem Namen Guy Warren zusammen mit Charlie Parker und Art Blakey den Afro-Jazz begründet. Im Buch ist ein Bild aus einem Nachtclub in Chicago abgedruckt, auf dem Parker die afrikanische Tracht von Ghanaba, der vor ihm sitzt, angelegt hat. Es ist das letzte Foto vor Charlie Parkers Tod. Und vom Leben und Sterben scheint dieser Ghanaba auch ohne Computer und Handy viel mehr zu wissen als die meisten seiner Zeitgenossen.

Klaus Voswinckel hat über ihn und sein Zusammenspiel mit der in Berlin lebenden amerikanischen Percussionistin Robyn Schulkowski vor einigen Jahren einen seiner hochspannenden Musiker-Dokumentarfilme gedreht (ähnlich wie über Steve Reich oder Wolfgang Rihm); für das Buch hat er Ghanaba dann nochmals besucht, kurz vor dessen Tod 2009.

Jedem aus dem Filmteam gab der alte Trommler übrigens einen eigenen Namen, beispielsweise nannte er den Tonmeister „Secret Service“. Diese ironische Anspielung auf die technischen Wunder des Westens kontert Voswinckel, indem er die Geheimnisse Ghanas oft in der eigenen Kultur oder in anderen nichtafrikanischen Kulturen rückentschlüsselt.

So findet sich das alte Sankofa-Symbol auf Ghanabas holzgeschnitztem „Herrscher“- und Hermes-Stab – ein goldener, die eigenen Schwanzfedern zausender und dabei zum Kreis gebogener Vogel – auch auf einer antiken griechischen Vase. Auch beschreibt Voswinckel, ähnlich wie Richard Kapuscinski in seinen Afrikareportagen, die möglichen Wege von Hellas nach Ägypten und durch die legendäre malische Wüstenstadt Timbuktu an die afrikanische Westküste.

Wunderbar auch, wie hier die magischen Tricks des Schamanismus in Anlehnung an Claude Lévi-Strauss mit den Riten der Psychoanalyse verglichen werden. Ach ja, und dann gehört zu Ghanas Mirakeln noch das heimlich unheimliche Matriarchat. Das mag als Erkenntnis nicht völlig neu sein, doch der erzählerisch glänzende Impressionist bringt es auf die schöne Pointe: „Ein ghanesisches Sprichwort sagt: Das Huhn weiß, dass der Tag anbricht, lässt aber den Hahn krähen.“

Klaus Voswinckel: Die Nacht der Trommeln. Ghana-Notizen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2010. 257 Seiten, 20 €.

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