Reisefieber (11): Die Sommerserie : Grand Madness Hotel

Aufregung, Angst, Abenteuer: Reisen ist der individuelle Ausnahmezustand. An dieser Stelle erzählen wir in den Sommerwochen davon – mit erhöhter Temperatur.

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Das Hotelzimmer soll eigentlich ein Ort der Ruhe sein...wenns nur so wäre.
Das Hotelzimmer soll eigentlich ein Ort der Ruhe sein...wenns nur so wäre.Foto: dpa

Einsame Insel, Gefängnis, Oase – ein Hotelzimmer kann vieles sein. Meistens aber zu klein oder mit seltsamen Dingen zugestellt. Wie viele Hotelzimmer habe ich schon umgeräumt, Schreibtische gebaut, wo keine waren, Fenster mit Handtüchern und Mänteln verhängt, um schlafen zu können ...

Ein paar Stunden zur Ruhe kommen unterwegs, dafür sind Hotelzimmer in der Hauptsache da. Aber die anderen Gäste haben auch Ideen. In Zagreb, in einem alten sozialistischen Hotelkasten, knackten die Heizungsrohre wie Silvesterböller. Dann brach im Nebenzimmer die Liebe los. Stöhnen, quietschen, kein Ende. Zwei Uhr nachts. Ich hatte mir meinen Protest lange überlegt, schließlich hämmerte ich wütend gegen die dünne Wand. Es wurde still. Eine Tür fiel ins Schloss. Und es begann von vorn, nur konnte ich diesmal drei Stimmen ausmachen, eindeutig: Jetzt waren sie zu dritt im Nebenzimmer in Zagreb.

Riskant ist es, das Zimmer zu wechseln. In Damaskus, lange vor dem Krieg, hatte ich ein Zimmer zur Straße. Unglaublich laut. Der Mann an der Rezeption verzog keine Miene und gab mir sofort einen anderen Schlüssel. Zimmer nach hinten, zum Hof. Eine fatale Entscheidung: Die Klimaanlage des Hotels ratterte infernalisch, bis gegen sechs Uhr in der Früh die Müllwagen kamen. Wenn ich heute an Syrien denke, möchte ich mir jeden Witz verbieten. Werden die Menschen zurückkehren können, die geflüchtet sind, kann es je wieder Frieden geben in diesem Land, wird man je wieder dorthin reisen?

Überfall und Kurzschluss

In Bogotá hatten sie uns gewarnt vor Überfällen und Entführungen. Heute scheint Kolumbien sich beruhigt zu haben. Damals aber ging ich kaum allein durch die Stadt, nahm kein Taxi von der Straße, mied Geldautomaten. Schauspieler vom Deutschen Theater, mit denen ich unterwegs war, wurden am ersten Tag in Bogotá ausgeraubt. Ich habe nur einen Kurzschluss im Hotel verursacht ...

Kleines Haus, schönes Zimmer, großer Schreibtisch, ruhige Nebenstraße, was will man mehr! Auf dem Flur aber lief Tag und Nacht Rod Stewart und Vivaldi. Am dritten Abend habe ich mit der Nagelschere die Kabel durchschnitten. „I am sailing ...“ war versenkt. Schreck am Morgen: Der Aufzug funktionierte nicht, wir mussten über die Nottreppe mit Kerzen ins Erdgeschoss zum Frühstück.

Hotelzimmeroptimierung kann zum Wahn werden. In Thessaloniki ging es vom Zimmer mit herrlichem Blick aufs Meer (sehr laut, Haltestelle für die Nachtbusse vor der Tür) in eine Kammer zum Hof (muffig, sehr dunkel) in ein schönes, helles Zimmerchen, dessen dickes Fenster auf eine Seitenstraße schaut. Perfekt! Sie kamen gegen drei Uhr in der Nacht. Vier oder fünf Typen, sturztrunken. Debattierten wild, lachten, rauften. Sie standen auf der Straße, aber eigentlich waren sie im Raum. Die Gesprächsthemen gingen ihnen nicht aus, ich hatte meine Quittung. Auf keinen Menschen kann man so wütend sein wie auf sich selbst.

Bisher in der Serie erschienen: Träge Tropen, Gelbes Leuchten, Schwarze Sonne, Schwarm und Schock, Vater weg, Kloß im Hals, Grüezi Wohl!, Am Abgrund, What? Germany? Shit! und Volle Locke

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