Reisefieber (3): Die Sommerserie : Schwarze Sonne

Aufregung, Angst, Abenteuer: Reisen ist der individuelle Ausnahmezustand. An dieser Stelle erzählen wir in den Sommerwochen davon – mit erhöhter Temperatur.

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Die sri-lankische Luftwaffe beim Abhissen der Nationalflagge.
Die sri-lankische Luftwaffe beim Abhissen der Nationalflagge.Foto: dpa

Rauchwolken über der Stadt, schwarz, rabenschwarz, voller Ruß und hysterischen Vögeln. Tausende Krähen kreischen am Himmel und verdunkeln die Sonne, die sich blutrot färbt am Ende des Tages. Die Menschen hängen in dichten Trauben am Zaun, sie klettern übereinander, wedeln mit Zetteln und übertönen die Krähen. Die Polizei soll das Tor öffnen, schnell jetzt, los, alle brauchen eine Ausnahmegenehmigung. Die Tamil Tigers haben die Öltanks am Stadtrand in die Luft gejagt, in ganz Colombo herrscht der Ausnahmezustand. Wer in die City will, braucht einen Stempel. Auch ich brauche einen, ich muss zurück zum Hotel, in der Nacht geht mein Flieger, zurück von Sri Lanka nach Deutschland.

Mein Fahrer ist ein Held. Irgendwie hat er Benzin für die Weiterfahrt organisiert, sogar einen Stempel. Im Autoradio überschlagen sich die Stimmen, nicht wegen der brennenden Tanks, sondern wegen des Cricket-Endspiels, es läuft schon den ganzen Tag. Geduldig erklärt der Fahrer mir die Regeln, ich komme kaum nach, in der letzten Stunde berichten die Radioreporter simultan, auf Tamil, Singhalesisch und Englisch. Sri Lanka, der Außenseiter, gewinnt, gegen Indien, es ist eine Sensation, die erste auf dem Weg zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr.

Ich stehe inzwischen auf dem Hotelbalkon, überall Leuchtfeuer, Detonationen, Schüsse. Das sind jetzt nicht die militanten Rebellen, beruhigen mich die Einheimischen, nur die Knallkörper der feiernden Cricketfans. Mein Fieber steigt trotzdem. Das Wasser zum Lunch war wohl nicht ganz sauber gewesen, der Magen ist überfordert. Man weiß nie, was das noch wird mit der Ausgangssperre, sagen sie im Hotel, ich soll besser fahren, wird schon irgendwie gehen. In der Schlange vorm Check-in schwinden die Sinne, mir wird schwarz vor Augen und blutrot dazu, überall Krähen und Cricket und Krieg. Irre, die Welt. Kann ich ihnen helfen, beugt sich ein freundlicher Brite hinunter, und drückt mir ein Tütchen mit Natriumchlorid in die Hand. Das Gebräu, aus dem Fernreisen sind.

Bisher in der Serie erschienen: Träge Tropen, Das gelbe Leuchten

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