Kultur : Reisefieber

-

SCHREIBWAREN

Jörg Plath will wissen,

wie weit die Worte tragen

„Hurra, wir reisen zur Frankfurter Buchmesse!“, jubelten letzte Woche einige junge Schriftsteller. Am Mittwoch öffnet der Welt größte Betriebsfeier der Buchbranche ihre Tore, und dann wird von früh bis spät gelesen. Wer nicht liest, hört Lesenden zu, und so sind die meisten kreativen Köpfe und ein gut Teil des üblichen Publikums vollauf beschäftigt. Es geht daher ruhig zu in Berlin.

Heute Abend gibt Adolf Muschg ein Heimspiel. Der Schweizer ist seit kurzem Präsident der Akademie der Künste und stellt eben dort um 20 Uhr sein letztes Buch „Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten“ (Suhrkamp) vor. Die fünf Geschichten erzählen hochironisch und anspielungsreich von ziemlich unsicheren Liebesgefühlen. Die Liebeskranken, die trotzig behaupten, allein gehen zu können, brauchen nichts so sehr wie die Liebe, müssen sich aber an einem Wendepunkt ihres Lebens fragen, ob sie sie denn erfahren haben: der Journalist Sutter, dessen krebskranke Frau ihn auffordert, Katzenstreu zu kaufen, was bisher sie erledigt hat, oder der Soldat, der sterben muss, weil er sich von der Truppe entfernt hat, um eine erste Nacht mit der Jugendliebe zu verbringen, seiner invaliden Lehrerin, die ihn nicht liebt. „Ob ich das Leben“, fragt er sich in der Zelle, „für den besten möglichen Sinn weggeworfen habe?“

Nichts liegt für Daheimgebliebene näher, als am Sonnabend (14 bis 19 Uhr) das Symposium der WilhelmMüller-Gesellschaft in der Literaturwerkstatt (Backfabrik, Anmeldung unter Tel. 485245-0, Fax -30 oder mail@literaturwerkstatt-org) über einen Reisenden zu besuchen. Wilhelm Müller, dank der Vertonung seiner „schönen Müllerin“ durch Franz Schubert unvergessen, pries das Wandern durchaus selbstbezüglich als „des Müllers Lust“. Der Romantiker reiste gern, und die Weltgegenden wurden ihm zu Chiffren der Nation und der Freiheit.

Im Anschluss betreten zwei lebende Autoren das Podium (20 Uhr), die ebenfalls vom Reisen erzählen: Steffen Kopetzky und Wolfgang Büscher . Verschiedenere Temperamente sind allerdings kaum vorstellbar. Kopetzky hat mit „Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication" (Eichborn) einen dicken Schmöker geschrieben, in dem sich immer wieder die Wege eines Aushilfs- Schlafwagenschaffners mit denen eines schmierigen Rechtsanwalts auf der Suche nach einer einzigartigen Uhr kreuzen. Dazu kommen zahlreiche Nebengestalten, in denen das halbe letzte Jahrhundert paradiert.

Büscher dagegen, Leiter des Ressorts Reportage bei der „Welt“, hat sich eines Tages zu Fuß von Berlin nach Moskau aufgemacht und aufgeschrieben, was ihm und seinen Schuhen zustößt und welche Geschichten ihm zugetragen werden von den Menschen, die ihn meist gastlich aufnehmen. Für „Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß“ (Rowohlt) erhielt Büscher den Wilhelm-Müller-Preis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben