Kultur : Reisefürer empfiehlt Venedig für Friseurbesuche - wozu eigentlich noch Autoren?

Stefan Eggert

Reisebücher-Reihen gibt es so viele wie Sand am Meer oder wie Kataloge im Reisebüro. Die Gestaltung der neuesten Reisebuch-Reihe bei Polyglott tendiert eindeutig in Richtung Hochglanzbroschüre. Nur der Preis orientiert sich an vergleichbaren Reihen wie der renommierten Reisetaschenbuch-Serie von DuMont, nämlich knapp unter 20 Mark bei etwas mehr als 200 Seiten.

Was ist also neu an diesen Reisebüchern? Die Länder können es nicht sein, da geht man auf Nummer sicher und bedient eilfertig die Hauptreiseziele wie Venedig, London, Berlin. Neu, aber wenig aufregend sind die froschgrünen Bilderrahmen oder Bildaufhänger, die aussehen wie in Onkel Willis Fotoalbum. Die Kästchen mit den Ausrufezeichen für den ganz flotten Leser etablieren sozusagen wieder den erhobenen oder richtungweisenden Zeigefinger. Die Sternchen für Sehenswürdigkeiten kennt man doch auch schon irgendwoher?!

Die Autoren dieser Reihe verkümmern bei Polyglott offenbar mehr und mehr zu Stichwortgebern von kleinen Rechtecken und Quadraten mit vermeintlich individueller Note. Die Persönlichkeit des Cicerone ist an der Redaktionsgarderobe abzugeben, dafür biedert man sich beim Leser an: "Für Frühaufsteher ist der Marktbesuch ein guter, volkstümlicher Einstieg für den Tag in der Lagunenstadt." Und das volkstümelt mächtig weiter in dem Venedig-Reisebuch einer Autorin, von der man eigentlich hochkarätige Reiseführer gewohnt war. Aber hier geht es ja um Fakten. Konsequenter wäre es, auf Autoren ganz zu verzichten, wie es manche Verlage schon praktizieren. Teamarbeit dürfte bei Service-Büchern dieser Art unabdingbar sein. Die altehrwürdigen Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk, zwischen wirklich sehenswerter Kultur und dem ganzen touristischen Ramsch und Kitsch für den eifrigen Kurzurlauber und Stundenbesucher werden hier allerdings schamlos niedergetrampelt, um nur ja irgendwie mitreden zu können, wo man etwa derzeit in Venedig die tollsten Spitzendeckchen bekommt.

Zugegeben, auch das mögen viele Touristen lieber als Hochkultur im Volkshochschuljargon. Doch eine locker-flockige Sprache allein genügt da nicht. Zu viel Anbiederung an den vermeintlichen Jugend- und Event-Jargon ist dann nur noch peinlich. Und sonst? Viel Service fürs gute Geld?

Viel mehr als in den zahllosen Reisemagazinen steht in den neuesten Produkten auch nicht drin, also auch nicht viel mehr als in den obligatorischen und meist kostenlos zu erhaltenden Informationen von den Touristenbüros und Verkehrsämtern. Dank dieser Verkehrsämtern, einer professionell recherchierenden Autorin und des Redaktionsteams des Verlages stimmen also die Fakten. Übersichtlich ist das Ganze auch, die Karten im Umschlag und im Buch lassen den Text fast vergessen, die bunten Bilder zeigen das übliche Bild unserer vorgeprägten Venedigvorstellung, nicht mehr und nicht weniger. Die ein oder andere Themenvertiefung mag hinreichend sein, um beim nächsten Friseurbesuch mal mit ein bisschen Bildung zu glänzen. Mehr nicht? Mehr nicht.Christine Hamel: Reisebuch Venedig. Polyglott Verlag, München 1999, zahlreiche Abbildungen und Pläne, 240 Seiten, 19,90 Mark.

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