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Reiseliteratur : Wohin? Zu mir! Zu mir!

06.01.2013 00:00 UhrVon Jan Volker Röhnert
Ansichtssache. Tanzende Männer auf den Sandwich-Inseln – eine der 140 Lithografien des Expeditionsmalers Ludwig Choris, die ebenfalls in dem Buch zu finden sind.Bild vergrößern
Ansichtssache. Tanzende Männer auf den Sandwich-Inseln – eine der 140 Lithografien des Expeditionsmalers Ludwig Choris, die ebenfalls in dem Buch zu finden sind. - Foto: Die Andere Bibliothek

Dichter, Forscher, Globetrotter: Adelbert von Chamissos „Reise um die Welt“ erscheint jetzt neu, in einer Prachtausgabe bei der Anderen Bibliothek.

Heute würde man wohl von einem interdisziplinären Forschungsteam sprechen. Geograf, Kartograf, Nautiker, Techniker, Biologe, Zeichner und Autor waren alle auf einem Schiff vereint. Es fuhr unter russischer Flagge mit einem baltischem Kapitän, dessen Vater der meistgelesene deutschsprachige Stückeschreiber seiner Zeit war, August von Kotzebue. Die Mannschaft war aus Russen, Polen, Ukrainern und Tataren zusammengewürfelt. Dazu kamen ein malaiischer Koch, ein dänischer Wetterforscher, ein baltendeutscher Arzt und Entomologe, ein aus der Bukowina stammender Maler.

Schließlich Adelbert von Chamisso (1781–1838), der Kopf des Ganzen: Botaniker, Zoologe, Dichter, Deutscher von französischem Hochadel.

Mit seinem 1813 verfassten Märchen von Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkauft und sich stattdessen mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt schlagen muss, hatte er sich einen Platz unter den ersten Autoren der Romantik erschrieben.

Nun wollte er Schlemihls Programm, sich durch die Flucht ins Weltweite von seiner Vergangenheit zu lösen, in die Tat umsetzen. Chamisso begab sich als Naturforscher an Bord des Zweimasters „Rurik“, der eine Nordostpassage von Kamtschatka über die Beringstraße nach Alaska und die amerikanische Ostküste erkunden sollte. Und dies im europäischen Schicksalsjahr von Napoleons Vertreibung und dem restaurativen Wiener Kongress 1815.

Drei Jahre lang segelte Chamisso um die Welt, über Brasilien, Feuerland, die Osterinsel, die Südseearchipele und weiter bis San Francisco, Hawaii, die Marshallinseln Ratak und Ralik und nach erneut erfolglosem Lavieren zwischen Kamtschatka, Aleuten und Alaska schließlich durch die Südsee- und philippinischen Archipele, das Kap der Guten Hoffnung umrundend, zurück nach London, Kopenhagen, St. Petersburg. Napoleons Verbannungsort St. Helena, der „Felsen des gefesselten Prometheus“, darf nicht angelaufen werden. Es ist, als hätte der Weltgeist an der Reise mitgewirkt.

Chamisso berichtete zunächst aus naturwissenschaftlicher Perspektive 1821 im Logbuch der Expedition. Die vorliegende Ausgabe seiner „Reise um die Welt“ enthält den Text, wie er 1836 in seinen gesammelten Schriften als „Tagebuch“ erschien. Chamissos Erlebnisse muten seltsam vertraut an mit ihren Begegnungen an Küsten, die zu seiner Zeit bereits Teil einer in Ansätzen globalisierten, durchkartierten und verkehrstechnisch erschlossenen Weltkugel waren.

Alexander von Humboldt bemerkte zwar, dass die Forschungsergebnisse der „Rurik“ nichts grundlegend Neues zutage gefördert hätten. Doch war es auch Humboldt, der Chamisso den Eintritt in die Berliner Akademie der Wissenschaften ermöglichte. Immerhin kann Chamisso von sich sagen, der erste Berliner auf einer derartigen grand tour mondial in der Nachfolge Bougainvilles, Cooks und Forsters gewesen zu sein, wie sie 1836 unter Engländern zum touristischen Muss geworden war. Als Darwin 1839 seinen Bericht über die Reise mit der Beagle (1831–36) erstmals veröffentlichte und dabei auch Chamissos Erkundungen gedachte, war dieser kurz zuvor gestorben.

Schon für Chamisso ist der Atlantik zur verkehrsreichen Wasserstraße geworden, die keinen Begriff mehr für die Entfernung zwischen Europa und Amerika vermittelt – die Inselgruppen im Pazifik tragen sämtlich Namen europäischer Entdecker. An allen Häfen stößt der Dichter auf das Bildnis Madame Récamiers und die Reputation der Schmierenkomödien Kotzebues. Die Uhren ticken nur nach Zeitzonen verschieden, sonst aber schon im gleichen Takt: „Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschifffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift ... Aber man fährt wie eine abgeschossene Kanonenkugel dahin, und wenn man heimkömmt, soll man rings ihre Höhen und Tiefen erkundet haben.“

Ein Punkt des Erstaunens für uns heute hat mit Chamissos Modernität zu tun: Da fährt einer um die Welt, um immer wieder nur sich selber zu begegnen. Multikulturell die Verwicklungen: Da bittet ihn als vermeintlichen Russen ein gebürtiger Pole im chilenischen Concepción darum, beim Wiedererlernen seiner vergessenen Muttersprache behilflich zu sein. Der Umgang der Spanier mit südamerikanischen „Patrioten“ erinnert ihn an das Schicksal der Republikaner in Koblenz 1792, das er als französischer Bürgerkriegsflüchtling hatte miterleben können. In Goethes „Braut von Korinth“ fällt ihm ein überzähliger Versfuß auf, von dem vor ihm kein Deutscher wusste.

Die Art, wie die Mädchen auf den Aleuten oder Hawaii Stoffmuster betrachten und nachahmen, erinnert ihn an die Textilvernarrtheit seiner eignen Frau und ihrer Berliner Freundinnen. Und in dem Polynesier Kadu, einem nach Ratak verschlagenen Palauaner, der die Schiffsmannschaft durch den Pazifik begleitet, blickt ihm sein eignes, dem Mutterboden entrissenes Südsee-Spiegelbild entgegen. Die fremden Funde werden auf Bekanntes zurückgeführt; die Dinge, der er nicht kennt, mit denen verglichen, die bereits beschrieben sind: „Überall bringt der Mensch ein Stück von der Heimat mit sich, so groß, wie er kann.“

All dies hat die Andere Bibliothek jetzt in einer vorzüglichen Ausgabe im Folioformat neu ediert – kostbar wegen der erstmals in toto hinzugefügten, heute schwer zugänglichen Illustrationen des Expeditionsmalers Choris in 140 sich organisch in die Reisebeschreibung einfügenden Drucken. Sie vermitteln einen Eindruck von den Ansichten, die man sich von der Welt machte, bevor die Fotografie die Ansichten der Malerei zu entwerten begann.

Am Stellenwert, den hier die Imagination am Zustandekommen des Bilds vom Fremden noch besitzt, lässt sich ermessen, was mit der fotografischen Fest-Stellung der Welt auch an Möglichkeiten verloren ging, das Fremde zu versinnlichen. Desgleichen Chamissos Erzählung: als Fremder unter Fremden, der er mit seiner Zweisprachigkeit und doppelten Staatsbürgerschaft praktisch war, doppelt sensibilisiert für die Ambiguitäten der Welt, ist seine Beschreibung ein Muster ‚sanfter‘ kultureller Lernverfahren und Aneignungsprozesse, singulär für den Radius einer Weltreise auch die Personalunion von Dichter und Wissenschaftler.

Schade nur, dass Herausgeber Matthias Glaubrecht trotz seines schönen, Chamissos Leistung historisch einordnenden Nachworts einer ausführlicheren Kommentierung von Chamissos zahlreichen Anspielungen keinen Platz eingeräumt hat. Diese sonst vorbildliche Ausgabe, in welcher wechselseitig der Text seine Bilder, die Bilder ihren Text zum Leuchten bringen, hätte es verdient.

– Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt. Mit 140 Lithografien von Ludwig Choris. Nachwort von Matthias Glaubrecht. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012. 526 S., 99 €.

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