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Wie aus „Elias“ „A 25“ wurde: Endlich gibt es ein Werkverzeichnis für Felix Mendelssohn Bartholdy

Volker Hagedorn
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Felix Mendelssohn Bartholdy Foto: dpa

Kein Lastkahn dürfte je kostbarere Fracht getragen haben als jenes Schiff, das im Februar 1945 von Berlin aus über den Spree-Havel-Kanal bis zur Elbe tuckerte. In Schönebeck wurden die Kisten vom Kahn geholt – sie enthielten unter anderem 38 Manuskriptbände aus dem Nachlass Felix Mendelssohn Bartholdys mit Raritäten wie dem Autograph der „Reformations-Sinfonie“. Während die Rote Armee auf Berlin vorrückte, brachte die Preußische Staatsbibliothek ihre Schätze an der Elbe in Sicherheit, 400 Meter unter der Erde in einem alten Salzstock. Dass Mendelssohn von den Nazis verfemt wurde, hielt die Bibliothekare nicht von der Rettungsarbeit ab. Begonnen hatten sie damit schon 1941, als Handschriften seiner berühmtesten Werke in ein Kloster bei Breslau geschafft wurden, etwa die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“.

Viele Sammlungen wurden damals so zerrissen, doch im Falle Mendelssohn vertiefte sich dabei eine Unübersichtlichkeit der Quellenlage, die zu Lebzeiten des Komponisten schon damit begann, dass er manchen Werken Opuszahlen gab, anderen nicht – „weils denn doch gar so kleine Thiere sind“ –, dass er bereits gedruckte Werke wie das Oratorium „Elias“ nach Aufführungen perfektionistisch revidierte, dass er Manuskripte an Freunde verschenkte, deren Nachkommen nicht selten zu den Emigranten im „Dritten Reich“ zählten und die Kostbarkeiten auf alle Kontinente verteilten.

Wenn man sich zudem klar macht, dass die meisten der über 750 Kompositionen Mendelssohns noch in den 1960er Jahren unveröffentlicht waren, begreift man, was es bedeutet, das erste „Thematisch-Systematische Verzeichnis“ vor sich zu haben. Diese Arbeit hat Ralf Wehner geleistet, Jahrgang 1964, Musikwissenschaftler in Leipzig. 15 000 Auktionskataloge, 12 000 Briefdokumente wertete er aus für ein Werkverzeichnis, wie es für andere Große des 19. Jahrhunderts längst vorliegt. Stückanfänge, Entstehungszeiten, Quellen, Abschriften, Drucke – geordnet in einem System jenseits der lückenhaften Opuszahlen. Nicht mal der Komponist blickte noch durch bei den 72 von ihm selbst benummerten Werken (die 19 wurde zweimal vergeben, chronologisch ging er auch nicht vor); die Nachwelt zählte weiter bis 121, bleiben circa 630 Werke ohne Zahl, von vielen erfährt man überhaupt erst hier.

Nun sind also alle sortiert. Von A (große geistliche Vokalwerke) bis Z (Verschiedenes), innerhalb der Rubriken nach Entstehungszeit geordnet, weswegen „Elias“ jetzt „A 25“ ist (die vertraute Opuszahl 70 steht daneben) und man unter „Z 6b“ ein apartes Kanon-Späßchen findet, das der zwölfjährige Mendelssohn in einem Brief notierte.

Dabei lässt sich über manche Zuordnung streiten. Für Wehner hat der Komponist nur vier große Sinfonien geschaffen, nicht fünf. Der „Lobgesang“, von Mendelssohn selbst ausdrücklich als „Symphonie für Chor und Orchester“ bezeichnet, wird hinweislos den geistlichen Werken zugeschlagen. Ebensogut könnte man den ersten Satz aus Mahlers Achter ein Oratorium nennen. Auf die Anwendung eines überholten Gattungsbegriffs lässt auch schließen, dass der Wissenschaftler zur hybriden „Reformations-Sinfonie“ einen selbstkritischen Brief des Komponisten so zitiert, als hätte der sich nicht auch höchst zufrieden geäußert. Doch was wiegt das schon, wenn einem Werk eine ganze Seite gewidmet ist, das in bislang maßgeblichen Werkverzeichnissen wie im „New Grove Dictionary of Music and Musicans“ gerade mal vier Zeilchen abbekommt? Was auf den 684 Seiten dieses Buchs an Informationen zusammengeführt ist, birgt ein ungeheures Potential.

So nötig allerdings die Systematisierung nach Genres ist, so sehr könnte Wehners Nomenklatur aus Großbuchstaben und Zahlen der Praxis im Wege stehen. Hörer und Musiker, Publizisten und Dramaturgen sind wenig geneigt, sich zu einer Zahl auch noch einen Buchstaben zu merken, nur damit es die Wissenschaftler bequemer haben. Anthony van Hobokens Haydn-Verzeichnis mit römischen Ziffern und arabischen Zahlen hat sich selbst nach 30 Jahren nicht wirklich durchgesetzt. Das Bach-Werke-Verzeichnis – ebenfalls nach Gattungen sortiert, aber einfach durchnummeriert bis weit über 1000 – wurde dagegen geradezu ein Rückgrat der Rezeption, dem auch nachträgliche Ergänzungen wenig von seiner Griffigkeit nehmen. Und mit so vielen Ausgrabungen wie bei Bach ist bei Mendelssohn jetzt nicht mehr zu rechnen.

Die Handschriften aus dem Salzschacht wurden jedenfalls nicht in alle Welt verstreut. Auf Schiene und Straße kamen sie 1946 nach Berlin zurück, und die Staatsbibliothek Unter den Linden ist seither der weltweit größte Quellen- Fundort in Sachen Mendelssohn. Es dauerte dann nochmal fast 60 Jahre, bis alle Handschriften dort ausführlich katalogisiert waren – eine späte Großtat, ohne die es Wehners Werkverzeichnis nicht gäbe. Als erste vollständige Karte des Kontinents Felix Mendelssohn Bartholdy wird es für weitere Reisen unerlässlich sein.

Ralf Wehner: Felix Mendelssohn Bartholdy, Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke (MWV), Studien-Ausgabe. Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, 2009. 684 Seiten. 128 €.

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