Kultur : Reisen!

Schlicht: Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm „Elsewhere“

Daniela Sannwald

„Überall ist es schöner, wo wir nicht sind“, dachten sich der österreichische Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter und sein zweiköpfiges Team und machten sich auf, um den Beweis anzutreten. Zwölf Monate, zwölf entlegene Winkel der Erde, zwölf mal zwanzig Minuten: Herausgekommen ist eine Collage aus exotischen Orten, an denen Menschen aller Farben zuerst archaische Tätigkeiten ausüben und dann direkt in die Kamera über ihr Leben sprechen.

Geyrhalters Protagonisten haben entweder sehr viel (Grönland!) oder sehr wenig (Afrika!) an, besitzen seltene Tiere – Kamele, Rentiere, Schlittenhunde – und sind ganz doll authentisch. Mit ihren Kindern pflegen sie einen eher pragmatischen Umgang, mehr Sorgfalt verwenden sie aufs Jagen und Fallenstellen. Damit es vor lauter bunten Stoffstreifen und Muschelketten aber nicht allzu folkloristisch wird, sieht man dann und wann ein von Jägern oder natürlichen Feinden erlegtes Tier. Auf der riesigen Schneefläche der finnischen Tundra zum Beispiel nimmt sich das Blut des gerissenen Rens gruselig-dekorativ aus. Und wenn die Robbenjäger in Grönland ihre Beute auf der nächsten Eisscholle zerteilen und die Innereien an die kläffende, vielköpfige Hundemeute verfüttern, dann wirkt das schon wieder fast pittoresk inszeniert. Oder wenn der frisch gefällte Baum im indonesischen Dschungel beinahe den Holzfäller erschlägt, die Aborigine-Kinder in Australien Buschfeuer entzünden, um einen Waldbrand zu verhindern und die Eskimo-Frauen erzählen, dass sie ihren Männern gern Handys mitgeben möchten, wie sie das im Fernsehen gesehen haben...

Damit wir uns nicht missverstehen. „Elsewhere“ ist durchaus unterhaltsam. Aber andererseits nur gut gemeint. Das Filmteam hat schöne, weite Landschaften in ihrem jeweils spezifischen Licht fotografiert und Originalton und Stille aufgenommen, so dass Stimmungen entstehen; aber konnte es nicht ein bisschen weniger sein? Und andererseits ein bisschen mehr? Man erfährt nicht, nach welchen Kriterien Geyrhalter seine Drehorte ausgesucht oder warum er sie in einem bestimmten Monat besucht hat. Man weiß überhaupt nicht, warum er unbedingt im Monatsrhythmus durch die Welt hetzen und dabei, wie das Presseheft stolz verzeichnet, mit immensen logistischen Problemen kämpfen musste.

Und dann: Gerade Archaik und Authentizität verlieren ihren Reiz, schon während sie mit dem kindlich-männlichen Stolz des Entdeckers und Bewahrers präsentiert werden. Für ein filmisches Vorhaben reicht es eben nicht, zu zeigen, dass die Welt, ach, so bunt und vielgestaltig ist – und so groß. Und dann eben auch wieder ganz klein, denn selbst der Robbenjäger in Grönland weiß: „Brigitte Bardot hat mein Leben ruiniert.“ Steht so jedenfalls im Untertitel.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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