Kultur : Reiter im Sturm

Armin Petras inszeniert in Wien Dorota Maslowskas „Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen“

Christina Kaindl-Hönig

„Virtual Paradise“ steht in sonnigen Lettern auf seinem T-Shirt. Doch der Drogenrausch verblasst langsam, und der bargeldlose Mime greint nach einem Telefon: „Ich bin Schauspieler. Ich kann doch nicht immer nur geben!“ Irgendwo in der polnischen Provinz kniet sich der TV-Seriendarsteller Parcha (Andreas Pietschmann) vor eine heruntergekommene Puffmutter und säuselt François Villons „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“. „Ja, und das ist Sophia Loren und ich bin Tobias Moretti“, antwortet Cristin Königs Bardame und zeigt auf Andreas Leupolds Garderobiere im weißen Plastikstuhl, die schief sitzende Perücke über dem grinsenden Gesicht.

Was als teure Party unter dem Motto „Dreck, Gestank und Krankheit – Rumänien!“ in Warschau begonnen hatte, endet für zwei kostümierte Nachtschwärmer mit einem Filmriss. Mit einer Odyssee auf verschneiten Provinzstraßen und dem Selbstmord der Protagonistin, Dschina (Hilke Altefrohne), in der Dusche eines paranoiden, dreckverschmierten Müllsammlers mit einem zerlumpten Mädchen (Lea Reusse) im Schlepptau.

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Dorota Maslowskas osteuropäischem Roadmovie „Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen“ (Übersetzung: Olaf Kühl) ist der Regisseur Armin Petras, der sonst schon überall war, erstmals in Wien gelandet. Im Schauspielhaus zeigt er mit dem Ensemble seines Berliner Maxim-Gorki-Theaters in Koproduktion mit den Wiener Festwochen Maslowskas düster-melancholischen Abgesang auf die zwischen Konsumrausch und Prekariat delirierende polnische Gegenwart. Flockiger Ost-Trash. Zwischen Balkan-Brass-Rock und „Riders on the Storm“ von den Doors nölen zwei junge Polen im Rumänen-Fummel Berlinerisch, als wollte sich Petras von seiner eigenen, gespaltenen Ost-West-Biographie nicht trennen.

Annette Riedels karge, weiße Sperrholzbühne erinnert mit ihren seitlich hochgeklappten Bodenteilen an die Schneise eines Pfluges durch meterhohen Schnee. Durch Mark und Bein dringen Hilke Altefrohnes schrille Schreie, deren Dschina mit silbern glitzerndem Kopftuch, schwarzen Zähnen und einem Blumenrock über dem Schwangerschaftsbäuchlein (Kostüme: Karoline Bierner) hysterisch-entzückt in einen überdimensionalen Wunderbaum beißt, als wäre er ein Lebkuchenherz. Sie schnaubt und prustet, leckt dem unbekannten Autofahrer (Leupold in fliegendem Rollenwechsel) übers Gesicht und hält einen Ziegelstein für ihr Baby. Als sie langsam nüchtern wird, erinnert sie sich an ihr Dasein als Imbiss-Buden-Verkäuferin, während ihr Zufallsbekannter nur noch daran denkt, rechtzeitig zu seinem Drehtermin nach Warschau zu kommen. Was die beiden im Rausch verband, das kindlich-zynische Verkleidungsspiel als Rumänen – in Polen das gängige Abschaum-Klischee –, zerfällt mit zunehmender Klarheit in gesellschaftliches Klassendenken. Die Tragik: Dschina hat keine Wahl, ihr bleibt die Rolle der sozialen Verliererin.

Folgt Maslowskas Enthüllungsdramaturgie um die vermeintlichen Rumänen deren „coming down“ in eine brutale Realität, so enträtselt Petras das surreale Identitäten-Drama der 24-jährigen, in Polen gefeierten Romanautorin zum eindeutigen Handlungsverlauf, garniert mit Video-Projektionen von nächtlichen Autofahrten. Durch eine Betrunkene, die die Anhalter in einen Unfall verwickelt, offenbaren sich für wenige Momente Leere und individuelle Isolation als erschreckender, gesellschaftlicher Bodensatz von Maslowskas originellem Theaterdebüt. Auf einem Eisblock sitzend, Metapher für soziale Kälte, verklärt Cristin Königs Konsum-Tussi Rumänien zum sozialromantischen Wunschbild, die Armut zum absurden Zurück-zur-Natur eines sinnentleerten Daseins.

Mit dem finalen, filmischen Abbild des rumänischen Dampfers „Ibopron“ entscheidet sich Petras schließlich bruchlos für den Kitsch, anstelle Verlorenheit und Aggression seiner Protagonisten offen gelegt zu haben. Der Selbstmord Dschinas bleibt eine Videobehauptung. Die Fluchtlinien des Rausches verlieren sich im Bühnenschleier einer Projektion.

Berliner Premiere im Studio des Maxim-Gorki-Theaters am 21. September 2008.

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