Kultur : Reiz ist geil

Zu viel, zu wenig: „Stadt als Beute“ nach René Pollesch – der Film zum Theaterstück zum Diskurs

Peter Laudenbach

Am Ende wehen Zettel über die Potsdamer Straße: „Liebe“, „Scheiße“, „Sex“, „Beute“, „Stadt“. Womit wir im Diskurs-Universum des Theatermachers René Pollesch gelandet sind, einer Welt der Begriffe in Parolen-Lautstärke. Polleschs Figuren, Textmaschinen auf hohem Energielevel, koppeln Theorie-Slang mit Gefühlsexzessen und antikapitalistischem Agit-Prop: „Da wo ich lebte, ist jetzt eine Verkaufsfläche, und da verkaufe ich mich“.

Die Berliner Regisseurinnen Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn benutzen für ihren Episodenfilm „Stadt als Beute“ ein älteres Pollesch-Stück – und die Proben dazu als Klammer, die drei kleine Berlin-Geschichten notdürftig miteinander verbindet. Manon (Richard Kropf) ist neu in der Stadt, und die Arbeit an Polleschs Stück überfordert ihn. „War das jetzt wieder zu viel?“, fragt er den Regisseur, nachdem er seinen Text mit viel Tremolo rezitiert hat. „Zu viel und zu wenig“, antwortet Pollesch unendlich müde.

Lizzy (gespielt von der Pollesch-Protagonistin Inga Busch) hat andere Probleme. „Warum liebe ich in diesem Stück jemanden ohne Leben?“ Dass ihr der Regisseur etwas von verkaufter Subjektivität erzählt, hilft ihr auch nicht weiter. David Scheller gibt als „Ohboy“ den Slacker, der vor lauter Angst und Textschwäche die Proben schwänzt, sich betrinkt, am Potsdamer Platz strandet und die Hochhäuser mit Pollesch-Parolen anschreit.

Die schlampig aufgenommenen Theaterproben, Dauergequatsche im Volksbühnen-Prater, beweisen vor allem, dass Theaterproben für Außenstehende unendlich ermüdend sind. Die Härte, Wahrhaftigkeit und ungeschützte Brutalität, mit der Fassbinder („Portrait einer heiligen Hure“) oder Cassavetes („Opening Night“) die Komplikationen der Kunstproduktion seziert haben, erreichen diese unbedarften Szenen nie.

Der Film funktioniert wie die Raubkopie einer Raubkopie. Bedient sich Pollesch für seine rasanten Textmontagen bei Architektur-Kritik und Soziologie, benutzen die Filmemacherinnen die Theaterproben als Hip-Accessoires, auf dass Polleschs Szene-Ruhm an ihren Episoden kleben bleibe. Jenseits des geschickt angesteuerten Image-Transfers bleibt die Verbindung zwischen Film und Polleschs Agit-Prop äußerst vage. Die erste Episode zeigt den naiv-hübschen Manon, wie er nach der verunglückten Probe in einer Keller-Boheme-Party strandet, ein Kind sucht, auf das er aufpassen sollte, und sich mit einer Unbekannten, die ein großes Auto und noch größeren Durst hat, durch die Nacht treiben lässt. Das ist konfus und recht nichts sagend.

Dass die nächste Episode lustiger wird, liegt an der Hochenergie-Schauspielerin Inga Busch. Weil es bei Pollesch immer um gekaufte Gefühle geht („Ich liebe nur die Hure, die du bist“), verbringt sie die Nacht zu Recherchezwecken mit einem muskulösen Stricher und einer Pornodarstellerin. Auch hier wieder: jede Menge Gequatsche. Dritte und letzte Episode: Ohboy lässt sich durch die Stadt treiben, verliert sein Textbuch, liegt im Wasserbassin vor dem Sony-Center und kommt zu spät zur Probe. Dann sind alle kurz sauer auf ihn, und anschließend bespritzen sie sich in der Prater-Toilette neckisch mit Wasser. Dies wohl die ehrlichste Szene des ganzen Films: Sie bringt die Harmlosigkeit und Künstler-Boheme-Eitelkeit des ganzen Unternehmens auf den Punkt.

Babylon Mitte, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant, Kulturbrauerei

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