Kultur : Rekonstruktion der V1 - Trudelkäfer aus Holz

Ronald Berg

Die Engländer nannten sie "Doodle-bug", Trudelkäfer, weil sie nach voreingestellter Entfernung ihre Benzinzufuhr unterbrach und stumm zu Boden trudelte. Bei den deutschen Konstrukteuren hieß sie Fieseler Fi-103. Das Propagandaministerium taufte sie V 1: die erste Vergeltungswaffe. Das Pulsotreibwerk der rund acht Meter langen V1 saß Huckepack und bewegte den Vorläufer der Rakete per Ruckstoßprinzip. Ziel der V1 war London. Einige tausend der fliegenden Bomben fielen auf die britische Hauptstadt herab.

Wie die V1 wirklich aussah, daran können sich wohl nur die wenigsten Engländer aus eigener Anschauung erinnern. Trotzdem ist das Trauma der V1 und später der ersten ballistischen Rakete, der V2, in England noch heute überaus lebendig, da zumindest im Fernsehen der Zweite Weltkrieg in Britannien nie zuende gegangen ist. Es war deshalb für den Galeristen Adam Dant nicht sonderlich schwierig, die Besucher eines Londoner Pub zu bitten, aus der Erinnerung einen "doodle-bug" auf den Bierdeckel zu zeichnen. Nur die Ergebnisse nehmen sich recht merkwürdig aus: Das "Gerät Richard", so der deutsche Tarnname, changiert in den Zeichnungen zwischen Zeppelin, Raumschiff Enterprise und Bügeleisen. Es scheint, als habe Brecht seinen berühmten Verfremdungs-Effekt von der V1 bezogen.

Oliver van den Berg hat diese Skizzen zum Vorbild für die Herstellung von Modellraketen genommen. Diese Modelle aus geleimtem Schichtholz sitzen auf einem Metalldorn, sind also nichts anderes als Windkanalkonstrukte, wie sie als Vorstudie zur Erprobung von zu entwickelnden Flugkörper hergestellt werden (8000 bis 15 000 Mark). Bei aller Deformierung, ob mit schwellendem Dickkopf oder platt wie eine Flunder, mehr wie eine Zigarre oder ein Flugzeugrumpf, alle Entwürfe haben eine durchaus aerodynamische Form. Vielleicht wären sie wirklich flugfähig.

Nun kommt es aber zu einer merkwürdigen Umkehrung und Verdrehung: Das Holzmodell ist einerseits Nachahmung der Skizze, andererseits Vorahmung eines fiktiven Originals, das selbst bereits historisch ist. Bei dieser Strategie der Rekonstruktion von Originalen nach der Erinnerung oder vager Überlieferung hat sich Oliver van den Berg von der Dronte inspirieren lassen. Dieser von den Europäern im 18. Jahrhundert ausgerottete, auf Inseln östlich von Madagaskar beheimatete Vogel wurde nämlich von Ornithologen in jüngerer Zeit rekonstruiert, ohne dass man sein genaues Äußeres gekannt hätte. Die Quellenlage bei der Rekonstruktion der V1 ist zugebenermaßen etwas einseitig, aber die Skizzen aus dem Pub zeigen umso deutlicher, mit welcher Kraft das affektiv besetzte Vorstellungsbild das Reale deformiert. Die todbringende V1 kann da zu einem netten dickbäuchigen Käfer werden. Angesichts der heutigen Bedrohungspotenziale mutet die V1 manchen beinahe niedlich an. Im Vergleich zu einer modernen Rakete war die V1 trotz ihrer 850 Kilo Sprengstoff fast ein bedauernswertes Geschöpf. Der im Flug wehrlose "doodle-bug" wurde für die Spitfires der Royal Air Force zur leichten Beute: Man mußte ihn nur mit dem Flügelspitze antippen, und er stürzte ab.

Oliver van den Berg produziert mit seinen V1-Modellen also nicht nur hübsche hölzerne Skulpturen; seine Arbeit stellt auch eine wichtige Frage: Wie geht man mit Geschichtsobjekten um? Kann man überhaupt einen vermeintlichen Originalzustand rekonstruieren, oder gehören nicht auch die Projektionen, die sich an das Objekt heften, zu seiner Geschichte? Ein museologisches Problem: Während seiner Recherchen zur V1 stieß Oliver van den Berg überraschenderweise auf die Relikte einer echten V1. Die Schenkung aus England wurde gerade durch das Berliner Technikmuseum restauriert. An dieser Rakete zeigte sich, dass auch das Original durch die Briten frei interpretiert worden war. So prangte auf dem Heckleitwerk beim Rückversand nach Deutschland ein Hakenkreuz, mit dem die V1 ursprünglich nie versehen war.

Ziel von Oliver van den Berg bei dieser (Re-)Konstruktionen der V-Waffe ist wiederum London: Adam Dant hat sich bereit erklärt, mit seiner Galerie neuerlich als Einsatz und Zielgebiet für die V1 zu fungieren. Inwiefern es heute möglich ist, eine V1 nach London zu schicken, erkundet die Ausstellung. Eine der notwendigen Bedingungen: Die Holzmodelle samt ihrer Transportkisten müssen in den VW-Passat des Künstlers passen. Wichtiger aber scheint, den Engländern ihre eigene Vorstellungen zu reimportieren. Das Eigene als Fremdes zu verstehen et vice versa, das Alte neu zu sehen, und das Neue mit der Erinnerung an früher, das könnten die V-Modelle heute transportieren. Oder anders gesagt: Geschichte wird gemacht.Kuckei + Kuckei, Linienstraße 158, bis

22. Januar; Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr. Katalog 42 Mark.

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