Kultur : Relevanter Kreuzfahrer

Gerrit Bartels schifft sich mit Matthias Politycki ein

-

Der Mann hat’s gut: Schippert gerade auf den sieben Weltmeeren herum und befindet sich im Moment kurz vor Tahiti. Der Mann heißt Matthias Politycki und ist Schriftsteller von Beruf. Wie bei Schriftstellern üblich und oft überlebensnotwendig, hangeln diese sich gern von Stadtschreiberschaft zu Stadtschreiberschaft. Oder, wenn es gut läuft, von Stipendium zu Stipendium. Oder, wenn es besser läuft, von Preis zu Preis. Oder, wenn sie Matthias Politycki heißen, von Meer zu Meer. Denn Politycki ist letztes Jahr ausgewählt worden, Schiffsschreiber der Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten zu werden. Das bedeutet für ihn: In 180 Tagen um die Welt. Und das bedeutet auch, so Hapag Lloyd, „als ,writer-in-non-residence‘ Länder und Meere aus der komfortablen Warte eines schwimmenden Luxushotels kennenzulernen“. Das hat seinen Charme, für einen reisefreudigen Schriftsteller wie Matthias Politycki sowieso. Sein letzter Roman „Herr der Hörner“ basierte auf ausgiebigst auf Kuba gemachten Erfahrungen.

Allerdings erinnern wir uns noch zu gut, dass Politycki vor zwei Jahren einer der umtriebigsten Literaturtrommler des Landes war, selbstredend in eigener Sache, aber auch in Sachen „Repolitisierung von Literatur“. Politycki verfasste mit drei Kollegen ein Manifest, das forderte, Literatur müsse genauso gesellschaftlich relevant wie kunstvoll arrangiert sein („Relevanter Realismus“). Er war bei der Lübecker Gruppe dabei, die sich, angeführt von Günter Grass, die Verhinderung einer schwarz-gelben Koalition zum Ziel gesetzt hatte. Und er setzte sich tapfer auf alle Podien, um zu sagen, dass doch die Mitte wieder besetzt werden solle, gerade die politische. Inzwischen liegt „Herr der Hörner“ als Taschenbuch vor oder auf dem Grabbeltisch. Inzwischen ist überhaupt viel Tinte das Papier heruntergeflossen, und Matthias Politycki betrachtet seit dem 5. November des vergangenen Jahres die Welt aus der Kabine 556 der MS Europa und schreibt Schiffstagebuch. Wie er von hier aus die Repolitisierung der Literatur betreibt und die Mitte der Gesellschaft zurückerobert, darauf sind wir jetzt mal so richtig gespannt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben