• Relikte der siebziger Jahre - Der Pianist und sein Bassist bieten viele Eigenkompositionen

Kultur : Relikte der siebziger Jahre - Der Pianist und sein Bassist bieten viele Eigenkompositionen

Christian Broecking

Bevor ein Ton Musik auf der improvisierten Schaufensterbühne erklingt, knarrt das Sitzmöbel des Pianisten. Fehlt Öl oder ist das bereits Teil des Events? Es ist bereits viertel vor Zehn, der Flügel wurde noch flink gestimmt. Mag sein, daß einige ganz gezielt ausgegangen sind, das b-flat ist gut besucht trotz der unnötigen Kälte an diesen Montag abend. Immerhin haben die großen Feuilletons den 29-jährigen Niedersachsen, der mit seinem Album von Ennio-Morricone-Adaptionen Furore machte, in den letzten Wochen regelrecht verspeist. Sieht so der Keith Jarrett der Jahrhundertwende aus? Jens Thomas reibt sich die Augen, bevor er zu spielen beginnt. Aus der Tresenperspektive betrachtet sitzt er Richtung Hackescher Markt und hat den Flügel im Visier. Hinter ihm fährt die Straßenbahn nach Weißensee. Dazwischen: eine große Scheibe, vereinzelte Passanten, verlassene Autos und ein Stück Straße. Doch der Soundtrack, den der Bassist Carlos Bica und Pianist Jens Thomas inszenieren, passt dennoch nicht in diese Kulisse. Bicas Kompositionen singen von Wehmut und Selbstmitleid, von einsamen Tänzern und melancholischen Reimen - von Portugal also. Kleine Melodien, die nach Korkbäumen riechen und nach den Liebesgaben, mit der Mütter ihre Kleinen in den Schlaf summen. Bica und Thomas halten sich an Eigenkompositionen - ein Relikt der siebziger Jahre. Es funktioniert, weil sie sich gut kennen. Die Bewegungen des Pianisten verraten eine klassische Ausbildung, und dass seine Improvisationen nicht zugemüllt sind mit den gängigen Floskeln des Jazz, dafür möchte man ihn schon umarmen. Was durchschimmert ist der Triumpf des Undogmatischen, der Beginn solider Meisterschaft, die harte Schule des Klavierarbeiters. Gerade an den lautesten Stellen knarrt es ganz deutlich.

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