Kultur : "Remake Berlin": Das Glück liegt in der Wiese

Aureliana Sorrento

Die Idee - es klingt wie ein Treppenwitz, ist aber wahr - kam aus Zürich. Mit dem Titel "Zürich - ein fotografisches Porträt" wurde 1997 im Zürcher Kunsthaus ein Fotografie- und Literatur-Projekt präsentiert, das die dortige Bank Hofmann angeregt, in die Wege geleitet und vollständig finanziert hatte. Im vergangenen Jahr richtete sich das Interesse der Bänker auf Berlin. Als Mitveranstalter fand sich diesmal das Fotomuseum Winterthur. Sechs Schriftsteller und acht Foto-Künstler hat es eingeladen, sich mit der im Umbruch befindlichen Stadt auseinanderzusetzen. Ein Buch - zugleich Katalog und Anthologie - ist auf diese Weise entstanden, und eine Fotografie-Ausstellung, die jetzt, nachdem sie in Winterthur gezeigt wurde, teils im Neuen Berliner Kunstverein (NBK), teils in der daad-Galerie unter dem Titel "Remake Berlin" zu sehen ist.

"Ich sah Berlin zum ersten Mal vor 35 Jahren", schreibt Emine Sevgi Özdamar. "Ich dachte damals, ich sehe keine lebende Stadt, sondern ständig die Fotografien des Gestern und rutschte durch diese Bilder in eine andere Zeit hinein." Wer Berlin fotografisch erfassen will, der fühlt den Boden unter den Füßen nachgeben und sieht das Bild schon in der Kamera verfallen. Um das Neue Berlin abzulichten, mussten sich die Fotografen in einen Prozess des ständigen Abreißen-Abtragen-Hochziehens einklinken. Daraus wurden Bilder des Wandelns. "Remake Berlin" ist das Gesicht einer Stadt, die täglich neu geschaffen wird.

Stephen Wilks ist an die Ränder Berlins gefahren, um dort die Neue Mitte zu suchen. Man sieht einen Kühlschrank, umgekippt und leer auf offener Straße, in gleißendem Licht, nur Rostspuren beflecken die Tür. Er wirkt wie ein Mahnmal in der verschneiten Landschaft. Auf einem anderen Foto sind Glasscherben an eine Bordsteinkante gespült worden, sie sehen wie Kristalle aus. Frauenkleider an einem Drahtzaun, im Hintergrund hält eine U-Bahn. In Hohenschönhausen ist die Stadt träge und still.

Den Potsdamer Platz, wie ihn Frank Thiel 1999 / 2000 aufgenommen hat, gibt es nicht mehr. Ein Sandkasten, aus dem sich ein Glasgigant über Kränen und Gittern und Röhren und Raupen und Walzen erhebt. Das Panoramafoto, vierteilig, nimmt eine ganze Wand des NBK ein, stattlich wie ein Historiengemälde. Was kein Zufall ist. In Berlin wird überall Vergangenheit zerstört, wo eine Hacke den Boden aufschlägt. Mit verschütteten Erinnerungsbildern beschäftigt sich auch Astrid Klein, deren Videocollage Szenen aus Filmen der 20er und 30er Jahre zusammenfügt. Riefenstahls Athleten, Mietskasernen, flatterndes Geäst, Vögel, Himmel, eine ratternde S-Bahn fließen in rascher Folge über die Leinwand. Daneben hängen zwei Bilder von 1962, aus der geteilten Stadt: ein blauer Himmel voller Wolken und ein Mädchen, das über den Stacheldrahtzaun zum anderen Berlin hinüberschaut.

Clegg und Guttmann, die die Gesichter der Berliner Republik, Bundesminister und Senatoren, abgelichtet haben, taten es, wie Alte Meister früher Könige porträtierten. Vor einem tief-dunklen Hintergrund präsentieren sich die Honoratioren in gemessener Pose und mit vorwärts gerichteten, entschlossenen Mienen. Hinter dem schwarzen Schleier, der als Hintergrund dient, wittert man eine Kehrseite der Macht, die nicht erst seit gestern auf der deutschen Hauptstadt lastet. Angesichts des gellenden Oberflächenglanzes fragt man sich, ob das ganze Theater überhaupt ernst gemeint sein kann.

Trotz Geschichtsbürden ist Berlin, das alltägliche, alles andere als würdevoll. Der Berliner arrangiert sich mit allen Veränderungen, solange sie ihm eine Wiese lassen, auf der er Fußball spielen kann. Boris Michailow hat dem Volkssport ein überaus heiteres Fotozimmer gewidmet. Nicht nur die unvermeidlichen Fans, die mit gereckten Armen auf der Tribüne triumphieren, sieht man da. Der Künstler setzte sich selbst, seine Frau und seinen Sohn mit Ball in Szene. Lachsalven löst ein Foto aus, auf dem Michailov, auf einer roten Bank liegend, in kurzer Hose, totenstarr und mit fixem Blick, einen Ball zwischen den Füßen hält. Soll heißen, dass selbst die Toten vom Fußball nicht lassen können?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben