Kultur : Rembrandts Schafe

Die Galerie Springer & Winckler zeigt 40 seltene Fotoarbeiten von Sigmar Polke.

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Wüstensöhne. Polke-Bild vom Trip durch Afghanistan und Pakistan 1974. Foto: Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Wüstensöhne. Polke-Bild vom Trip durch Afghanistan und Pakistan 1974. Foto: Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn 2012

1974 bereiste Polke Pakistan und das damals sowjetisch besetzte Afghanistan. Ob er den Zollstock im Gepäck trug, den er zwei Jahre zuvor – einer seiner Späße – zu einem Stern geformt hatte, ist nicht bekannt. Die Polaroid-Aufnahme, nur wenige Zentimeter hoch und breit, war so etwas wie Sigmar Polkes Markenzeichen in der Fotografie, seinem zweiten Standbein als bewusst nonkonformistischer Künstler, der gern das Triviale zum Besonderen erhob. Vielleicht sollte aus dem Zollstock zur Vermessung der Welt wenn schon kein aufsteigender oder niedergehender Sowjet-, so doch ein Glücksstern werden, der auch über dieser wagemutigen Reise schwebte, von der er indes ein ganz und gar dokumentarisches Foto mit nach Hause brachte: Drei Männer stehen wartend neben einem staubigen Jeep (wahrscheinlich Polkes Fahrzeug beim Wüstentrip), im Hintergrund Berge. Eine Komposition, die den Stil der großen Magnum-Fotografen eher persifliert als imitiert. Auf Großformat gezogen zieht das Bild unweigerlich die Blicke auf sich, und der stattliche Ausnahmepreis von 145 000 Euro katapultiert es mutig in die Spitzenzone des Kunstmarktes.

Mit genau 40 Arbeiten, alle Unikate, bringt die Galerie das weniger bekannte fotografische Oeuvre des 2010 einem Krebsleiden erlegenen Begründers (gemeinsam mit Gerhard Richter) des kapitalistischen Realismus in Erinnerung. Natürlich sind diese für zehn- bis siebzigtausend Euro angebotene Blätter keine Fotografien im herkömmlichen Sinn, stellen sie doch deren Realitätshaftung eher infrage.

Wer schon richtet das Objektiv durch ein Mikroskop auf winzige Goldklümpchen, um sie in der Vergrößerung wie ein Fetzen Papier oder wie eine menschliche Hinterlassenschaft aussehen zu lassen? Oder welchen anderen Sinn als einen ironischen sollte es haben, eine andächtig vor Rembrandts „Nachtwache“ versammelte Besuchergruppe in verblasstem Schwarzweiß wie eine Herde Schafe wiederzugeben, die sich den Weihen der Kunst unterzieht? Aber auch das Schöne konnte in Polkes Fotografien eingehen, etwa mit Porträts seiner Freundin Mariette, einer kleinen Serie von 1969/70, der mittels Kontrastreduzierung und Lichteinfall beim Entwickeln der Souvenir-Nimbus genommen ist.

Polke spielte mit Bildern, übermalte sie und bastelte Stillleben, die noch heute ebenso rätselhaft wie reizvoll wirken. Weniger als andere gefiel er sich als Bilderstürmer oder Narr des Kunstbetriebs, dem er ohnehin angehörte, denn als ein Alchimist, der sich für die Strahlung von Dingen und Stoffen interessierte – nicht nur von realem Gold, das er in virtuellen Dreck verwandelte, sondern auch vom gefürchteten Uranerz, dessen Strahlung er in zwei grün und blau schimmernden Photogrammen geheimnisvoll aufleuchten lässt. Wo die Farben am schönsten sind, ist der Untergang nicht weit. Immer wieder stellt Polkes Schabernack den Betrachter vor eine Denkaufgabe, die mit dem Ernst der Sache Spaß treibt.

Zur Erinnerung an den Menschen Polke zeigt die Galerie in einem Extrakabinett eine Serie aus sechs Fotografien, die Angelika Platen 1971 im Hafen von Dortmund aufnahm. (Mappenpreis: 2400 Euro) Einmal schaut Polke da durch ein winziges Loch in einer zersprungenen Glasscheibe, ein andermal vollführt er einen kühnen Luftsprung, als wisse er, gerade dreißig, mit seiner Energie nicht wohin. Er konnte sie noch gut gebrauchen.

Springer & Winckler Galerie, Fasanenstr. 13, bis 4.2., Di–Fr 10–14 & 15–18 Uhr, Sa 12–15 Uhr

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